Jetzt nicht stolpern

Kolumne von Ruprecht Polenz
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Jetzt nicht stolpern

Jetzt nicht stolpern

07. März 2021

Kolumne von Ruprecht Polenz

Trotz vieler Versäumnisse, Fehler, Pannen und Unzulänglichkeiten: das Ende der Corona-Krise in Deutschland rückt näher, jedenfalls was die gesundheitliche Seite angeht. Die wirtschaftlichen und psycho-sozialen Folgen, vor allem bei Kindern, werden uns auch in den nächsten Jahren noch viel abverlangen. Das Virus hinterläßt auch tiefe Schäden in unserer Gesellschaft.

Woche für Woche wird mehr Impfstoff geliefert und verimpft. Mit Biontech-Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen schon drei Impfstoffe zur Verfügung. Mit der Zulassung eines Impfstoffs von Johnson & Johnson in der EU wird für Mitte März gerechnet. Der deutsche Hersteller Curevac erwartet die Zulassung für seinen Impfstoff gegen #Covid-19 im Mai/Juni. Deshalb wird bald sehr viel mehr Impfstoff zur Verfügung stehen als in den ersten Wochen.

Bis Ende April werden alle über 80jährigen geimpft sein. Außerdem die meisten aus den Gesundheits- und Pflegeberufen, dazu alle Erzieher:innen in Kitas und alle Lehrer:innen an Grundschulen. Im April werden die Praxen von Hausärzten einbezogen, die dann im Mai, wenn täglich noch größere Mengen an Impfstoff produziert werden, zusätzlich zu den Impfzentren voll in der Impfkampagne beteiligt sein werden.

Es gibt also Grund zu Zuversicht.

Davon ist aber nicht viel zu spüren. Existenzangst, Enttäuschung, Sorge, Verbitterung, Empörung und viel Ärger bestimmen die Debatten. Das ist kein Wunder, denn nach einem langen Jahr ist unsere Gesellschaft corona-erschöpft. 70.000 Tote sind zu beklagen. Viele, die sich infiziert hatten, leiden an Spätfolgen. Kinder und Jugendliche haben nicht nur den Anschluss in der Schule verloren, sondern auch den zu ihren Freundinnen und Freunden. Wirtschaftshilfen sind zu spät oder noch gar nicht angekommen. Außerdem reichen sie bei weitem nicht, um die Corona-Schäden auszugleichen. Den Menschen fällt die Decke auf den Kopf.

Statt überzeugender Politik, die ein klares Konzept verfolgt, sehen die Menschen zerstrittene Ministerpräsident:innen, die zwischen Lockerung und Lockdown scheinbar willkürlich hin und her schwanken. Sie sehen einen Gesundheitsminister, der Ankündigungen zurücknehmen muss und eine Kanzlerin, die mit ihrem eher vorsichtigen Kurs immer weniger Gehör findet.

Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie der beginnende Bundestagswahlkampf führen dazu, dass eher nach Schuldigen gesucht wird oder gegenseitiger Abgrenzung, statt nach einer gemeinsamen Linie. Der „Stufenplan für Inzidenz-abhängige Lockerungen mit Notbremse“ ist so detailliert und verschachtelt, dass er sich kaum noch kommunizieren läßt. Das Echo zeigt, dass er jedenfalls keine Zuversicht ausstrahlt.

Dabei wäre gerade jetzt auf der Zielgeraden vor allem Zuversicht nötig, um die letzten Monate der Pandemie gut zu schaffen. Denn ohne Zuversicht wird’s in jedem Fall schlechter und anstrengender.

Es ist deshalb wichtig, festzuhalten, dass nach der als „Impfdebakel“ beklagten Impfstoffknappheit in den ersten acht Wochen jetzt nicht das nächste „Impfdesaster“ droht, weil man angeblich mit dem Impfen nicht hinterher käme.

Es liegen keine Millionen Impfdosen unnütz in irgendwelchen Kühlschränken.

Beim Blick auf die Statistik muss man nämlich wissen, dass Impfdosen dann als „geliefert“ vermerkt werden, wenn sie beim Robert-Koch-Institut (RKI) registriert wurden. Die Produktionsfirmen melden dem RKI, wenn sie eine Lieferung versenden. Bis diese in den Impfzentren ankommt, vergehen noch einige Tage. Das führt automatisch dazu, dass mehrere Tageslieferungen statistisch als „im Kühlschrank liegend“ verbucht werden.

Außerdem wurde bisher bis zur Hälfte der gelieferten Dosen zurückgelegt, damit die für den Impfschutz notwendige Zweitimpfung in jedem Fall innerhalb der notwendigen Frist zur Verfügung steht. Diese Vorsicht war angezeigt, weil die Produktion des Impfstoffs am Anfang noch nicht zuverlässig genug lief. Biontech, Moderna und AstraZeneca mussten ihre für das erste Quartal zugesagten Lieferungen deshalb kürzen. Aber diese Anlaufschwierigkeiten sind jetzt weitgehend überwunden, so dass diese Rückstellungen nicht mehr in dem Umfang nötig sind.

Leider mussten in den ersten Wochen viele Impftermine abgesagt werden, weil der AstraZeneca-Impfstoff abgelehnt wurde. Der Grund: den Menschen war eingeredet worden, dass AstraZeneca weniger wirksam sei als die beiden mRNA-Impfstoffe von Biontech-Pfizer und Moderna. Das Handelsblatt hatte sogar davon gesprochen, dass AstraZeneca nur zu 8 Prozent wirke, im Vergleich zu 94 und 95 Prozent Wirksamkeit der anderen Impfstoffe. Viele Medien hatten diese Tataren-Meldung übernommen, ohne sie zu überprüfen. Aber die Meldung war völlig falsch. Bis heute hat sich das Handelsblatt dafür nicht entschuldigt.

AstraZeneca weist für unter 65jährigen eine Wirksamkeit von über 70 Prozent auf und schützt damit wirksamer als alle Grippe-Impfstoffe, die es auf 59 bis 67 Prozent bringen. Die beklagten Nebenwirkungen sind mit einer normalen Grippe-Impfung vergleichbar. Nur: #Covid-19 ist viel gefährlicher als eine Grippe. Wer jetzt eins und eins zusammenzählt, läßt sich impfen.

Auch das AstraZeneca bisher nur für unter 65jährige zugelassen war, mag zu der verminderten Akzeptanz beigetragen haben. Der Grund: in den für die Zulassung eingereichten Studien war das Mittel für Ältere nicht ausreichend oft erprobt worden. Mittlerweile weiß man, dass AstraZeneca auch für Ältere sehr gut wirkt, und hat die Zulassung entsprechend geändert. Einer großen schottischen Studie zu Folge wird bei Älteren bereits nach der ersten Impfung das Risiko eines Krankenhausaufenthalts um 94 Prozent verringert.

Inzwischen wird AstraZeneca genauso akzeptiert, wie die anderen Impfstoffe, so dass es nicht mehr zu ungenutzten Kapazitäten in den Impfzentren kommt.

Schauen wir uns für einen Blick in die Zukunft Westfalen-Lippe mit seinen 8,3 Millionen Einwohnern an. Davon werden ca 1,2 Millionen nicht geimpft, weil sie jünger sind als 16 Jahre. Es gibt ca 5000 Hausarzt-Praxen. Wenn jede Praxis zusätzlich zu ihrer allgemeinen Patientenversorgung, die ja fortgesetzt werden muss, jeden Tag 20 Personen impft, können im Monat 2 Millionen Patienten geimpft werden. Dazu kommen die Impfzentren, die im Monat ca 400.000 Menschen impfen können. In wenigen Monaten werden nicht nur in Westfalen-Lippe alle geimpft sein, denn überall in Deutschland wird die Entwicklung ähnlich sein.

Jetzt dürfen uns nur die ansteckenderen Mutationen von Covid-19 keinen Strich durch die Rechnung machen. Deshalb ist es wichtig, mit den Lockerungen vorsichtig zu bleiben und die Hygieneregeln – Abstand, Schutzmaske, Händewaschen – ganz besonders sorgfältig zu beachten. Wir dürfen so kurz vor dem Ziel nicht in einen dritten Lockdown hineinstolpern. Dann haben wir allen Grund zur Zuversicht.

Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

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