MARWA

MARWA

29. Mai 2021

Wir beschäftigen uns nicht so sehr damit, was von einem anonymen „man“ getan werden sollte; uns interessiert, was wir selbst tun können. Dieser Gedanke treibt uns an. Wir empfinden unsere Herkunft als Europäer*innen und damit einhergehend unsere Freiheit nicht nur als unverdientes Glück und Privileg, sondern ganz besonders als Pflicht.

Im Dezember 2020 berichteten wir erstmals davon, dass wir uns zusätzlich zu unseren Rettungseinsätzen im Mittelmeer ab 2021 auch auf Suchmissionen vor den Kanarischen Inseln vorbereiten werden. Wir kauften ein Schiff, eine 15m Motoryacht, welches wir in den letzten Monaten mit vielen ehrenamtlichen Helfern für Suchmissionen umgebaut haben. Zusammen mit einem Einsatzschnellboot werden wir damit südlich der kanarischen Inseln operieren. Seit Ende vergangenen Jahres wird diese Fluchtroute wieder stark von Menschen genutzt, die aus Afrika nach Europa fliehen müssen. Das Seegebiet, auf das sich die Geflüchteten begeben, ist riesig. Immer wieder kommt es vor, dass Menschen die Überfahrt nicht überleben. Sie kommen vom Kurs ab oder schaffen es schlichtweg nicht gegen Wind und Welle anzukommen. Dies hat zur Folge, dass sie dehydrieren oder gar ertrinken, wenn Hilfe nicht rechtzeitig vor Ort ist. Die Aufgabe mit unserem neuen Monitoring-Schiff ist es, nach Booten in Seenot Ausschau zu halten und diese an lokale Seenotrettungsorganisationen zu melden, damit diese schnellstmöglich die Rettung einleiten zu können. Hier zählt jede Minute. In kleinen überfüllten und meist völlig seeuntüchtigen Holzbooten befinden sich die Menschen oft bereits tage- und sogar wochenlang auf dem Wasser, sind geschwächt oder benötigen dringend medizinische Hilfe. Allein in diesem Jahr haben bereits 126 Menschen bei dem Versuch der Überquerung des Atlantiks ihr Leben verloren. Die Dunkelziffer wird weit höher sein. Der Monitoring-Einsatz wird von acht Crewmitgliedern bestritten. Dabei decken wir die Bereiche Nautik und Bootstechnik, Einsatzschnellboot, medizinische Belange, Dokumentation und Menschenrechtsbeobachtung ab. Die kleine Crew arbeitet eng zusammen und es müssen zum Teil mehrere Aufgaben übernommen werden. Unsere Hoffnung ist es, die Atlantik-Route ein bisschen sicherer zu machen, damit Menschen dort nicht sterben müssen. Denn was wir sicher sagen können: solange der globale Norden auf Kosten der immer ärmer werdenden Menschen im globalen Süden immer reicher wird und Grenzzäune errichtet, um sich abzuschotten, wenn das Elend an die eigene Tür klopft – so lange wird es Menschen geben, die auf einem lebensgefährlichen Weg versuchen ihr Recht auf Teilhabe, auf Freiheit und auf ein Leben in Würde, zu verwirklichen. Niemand verdient es, für die Einforderung dieses Menschenrechts zu sterben.
Unser Schiff ist nun einsatzbereit und brauchte einen Namen.


Der Mission Lifeline e.V. hat seinen Sitz in Dresden, in der Geburtsstadt der islamfeindlichen Pegida; der Stadt, in der rassistische und fremdenfeindliche Übergriffe an der Tagesordnung sind, in der die AFD, NPD und andere rechtsextreme Parteien und Organisationen omnipräsent sind. Wir kommen aus einer Stadt, in der es die Stadträte von AfD, CDU, FDP und Freien Wählern unter Enthaltung des Oberbürgermeisters bereits zweimal verhinderten, dass Dresden dem Städtebündnis „Sichere Häfen“ beitritt, um damit geflüchtete Menschen willkommen zu heißen.
Wir kommen aus der Stadt, in der vor 13 Jahren Marwa El Sherbini ermordet wurde. Weil sie Muslima war. Ihr Tod sollte gerade in Dresden gegen antimuslimischen Rassismus mahnen.

Copyright © 2009 by MarwaElSherbiny.com

Marwa El-Sherbini war Pharmazeutin und Mutter, spielte für die ägyptische Handballnationalmannschaft und lebte mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Dresden. Am 01. Juli 2009 wurde sie in einem Dresdner Gerichtssaal von einem Neonazi mit 18 Messerstichen erstochen, gegen den sie sich wegen seiner rassistischen Beleidigungen juristisch zur Wehr gesetzt hatte. Marwa El Sherbini starb vor den Augen ihres Mannes und ihres 3jährigen Sohnes. Sie wurde 31 Jahre alt. Die öffentlichen Reaktionen auf den Mord an Marwa El-Sherbini fielen damals verhalten aus. Zunächst äußern sich weder Vertreterinnen aus der Politik noch aus der Zivilgesellschaft öffentlich dazu. Es gibt keine antifaschistischen Mahnwachen oder Demonstrationen. Die Medienberichterstattung betont die russlanddeutsche Herkunft des Täters, die Süddeutsche Zeitung schreibt sogar von einem „Kampf fremder Kulturen“ auf deutschem Boden. Erst am 10. Juli 2009 meldet sich die damalige Oberbürgermeisterin Helma Orosz für die Stadt Dresden zu Wort. Auf der vom Ausländerrat Dresden organisierten Trauerfeier am nächsten Tag erscheint sie jedoch nicht, auch der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich schließt sich den 1.500 Teilnehmenden nicht an. Am gleichen Tag verurteilt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Tat und kondoliert dem ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak. An die in Deutschland lebenden Musliminnen wendet sie sich nicht.
Fünf Jahre nach diesem Mord, gründete sich in Dresden die islamfeindliche PEGIDA, ein Abgrund aus Hass gegen unsere muslimischen Mitmenschen. Die Stadt Dresden setzte seitdem auf Dialog mit PEGIDA-Anhängern. Man müsse deren „Meinungen“ aushalten.

Wir müssen das nicht.

Wir sind aus Dresden, in Sachsen. Und unser Schiff trägt den Namen MARWA

Fotos: Hermine Poschmann


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