Erstmal abwarten, was noch passiert, ist unsere Sache- nicht

Erstmal abwarten, was noch passiert, ist unsere Sache- nicht

10. Dezember 2020

Neue Aufgaben für Mission Lifeline

Es war ein Tag Ende Oktober. Wir saßen zusammen im Büro beim Teammeeting und besprachen aktuelle Probleme und Aufgaben im Back Office, auf Lesbos und auf der Werft beim Umbau unseres Schiffs, der „Rise Above“. „Seid mal still!“, sagte plötzlich eine von uns und drehte das Radio lauter:
„Vor der Küste Senegals sind nach Angaben der UN-Migrationsorganisation IOM mindestens 140 Menschen ertrunken.“
Ein Boot mit rund 200 Menschen an Bord sei am Samstag von dem senegalesischen Küstenort M’bour in Richtung der Kanarischen Inseln aufgebrochen, teilte die IOM mit. Wenige Stunden später habe das Boot Feuer gefangen und sei gekentert. Nur 59 Menschen konnten gerettet werden. Stunden später waren wir mit Informationen um die Situation im Atlantik zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln förmlich vollgesogen. Wir lernten, dass in diesem Jahr bereits Tausende Menschen versuchten, mithilfe von Schlauch- oder kleinen Holzbooten, die Kanarischen Inseln zu erreichen und dass es täglich mehr werden. Wie viele der kleinen offenen Boote durch den Kanarenstrom südlich an den Inseln vorbei getrieben werden und auf dem offenen Atlantik untergehen, vermag niemand zu erahnen. In den Booten sitzen hauptsächlich Menschen aus Algerien und Marokko, die der desolaten politischen und wirtschaftlichen Situation in ihren Heimatländern – hervorgerufen auch durch die COVID-19 Pandemie – entkommen wollen. Es fliehen aber auch viele Menschen aus westafrikanischen Armutsländern wie Mali, Guinea oder Senegal. Die meisten von ihnen (nimmt man an) landen auf Gran Canaria, aber auch auf Teneriffa, Fuerteventura und Lanzarote.

Es gibt erhebliche soziale Spannungen und auch rassistische Vorfälle

Die provisorischen Auffanglager sind völlig überfüllt. Die temporäre Unterbringung der Ankommenden in aktuell leerstehenden Hotels, erregt immer mehr Unmut bei der auf den Tourismus angewiesenen Inselbewohner.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Menschen, die auf den Inseln ankommen, versiebenfacht. Die Statistiken spiegeln eine Verschiebung der Migrationsrouten im Süden Europas wider: Auf der westlichen Mittelmeerroute von Marokko und Algerien zur spanischen Festlandküste gehen die Migrationszahlen zurück, weil dort die EU Außengrenze stärker überwacht wird. Auf der Atlantikroute Richtung Kanaren steigen dagegen die Zahlen. Die spanische Inselgruppe liegt etwa 100 Kilometer vor der Küste der Westsahara. Die Überquerung des Atlantiks ist extrem gefährlich.  
Die Berichte und Dokumentationen von IOM, UNHCR und aus der internationalen Presse haben uns schließlich gereicht, um einen Entschluss zu fassen. An der Rise Above würden die Werftarbeiten planmäßig weitergehen. Ein Einsatz im Mittelmeer frühestens nächstes Jahr möglich sein. Unser Team auf Lesbos hatten wir bereits aus Rücksicht auf die Menschen und Organisationen vor Ort und die Gefährdungslage durch COVID-19 auf nur noch eine Person reduziert. Mit den uns noch zur Verfügung stehenden Ressourcen und Kompetenzen, gab es keinen Grund, nicht in einem weiteren Einsatzgebiet zu helfen. Seit einigen Wochen befinden wir uns mit mehreren Teams nun bereits auf bzw. vor den Kanarischen Inseln.

Das Problem ist nicht, dass nicht gerettet wird, sondern, dass nicht gefunden wird

Unser Einsatzkonzept unterscheidet sich von unseren Missionen im Mittelmeer. Anders als vor Griechenland werden unsere Einsätze in erster Linie Suchmissionen sein, die sich als Unterstützung zu den Rettungsmissionen der spanischen Seenotrettungsorganisationen verstehen. Das Problem vor der Küste der Westsahara ist nicht, dass Menschen in Seenot von den Küstenwachen nicht gerettet werden wollen, sondern, dass sie viel zu oft nicht gefunden werden. Auf dieses Grundproblem fokussierten wir uns. Wir bildeten Teams zur Vorbereitung und Durchführung von Suchmissionen an Land und auf dem Wasser.

Wir mieteten ein Segelboot und fuhren 2 Missionen hauptsächlich zum Erkunden und Kennenlernen des neuen Suchgebiets. Der ausführliche Erfahrungsbericht aus diesen 2 Missionen, lieferten uns wichtige Erkenntnisse zur konkreten Planung unserer späteren Einsätze.

Wir kauften eine 15m lange Motoryacht für die Überwachungsaufgaben auf See, sowie einen Geländewagen für Suchmissionen inklusive Sanitätsteam an Land, um gestrandete und möglicherweise verletzte Menschen medizinisch erstversorgen zu können. Ein RHIB wird zusätzlich dazu in Küstennähe der Insel Lanzarote operieren.
Sobald wir die Motoryacht registriert und letzte Arbeiten daran erledigt haben, wird eine erfahrene freiwillige Besatzung das Gebiet um die Kanarischen Inseln befahren und beobachten, um zu verhindern, dass Boote mit Geflüchteten in Seenot geraten oder in den offenen Atlantik abtreiben. Im Gegensatz zur Griechischen Küstenwache wissen wir, dass die staatlichen spanischen Seenotrettungsorganisationen Rettungseinsätze fährt. Menschen, die in Seenot gefunden werden, werden auch gerettet. Hier gibt es (noch) kein aktives Wegsehen. Wir werden also auf keinen Fall eigenmächtig vorgehen, sondern haben die Absicht, eng mit lokalen Organisationen zusammenzuarbeiten. In einem Notfall werden wir umgehend die zuständigen Behörden, in erster Linie die Guardia Civil und den Salvamento Maritimo, über den Seenotfall informieren. Unser Schiff wird demnach als weiteres Auge zur Unterstützung der Rettungskräfte auf den Kanarischen Inseln dienen. Selbstverständlich werden wir es mit zusätzlicher lebensrettender Ausrüstung ausgestatten. Ein RHIB für den Erstkontakt und Rettungswesten werden uns bestmöglich darauf vorbereiten, bis zum Eintreffen der Behörden, Erste Hilfe auf See leisten zu können.

Inzwischen haben wir Behörden und lokale Organisationen kontaktiert und werden versuchen, mit ihnen als Partnerorganisation zusammenzuarbeiten, um gemeinsam dazu beizutragen, dass bei der gefährlichen Atlantiküberquerung nicht noch mehr Menschen ihr Leben verlieren.
Zusätzlich zu unseren Einsätzen auf See werden wir mit einer Sanitäter-Land-Crew die Küste beobachten, um zu helfen, falls Boote vor oder nahe der Küste verunfallen. Auch hier gilt das Einsatzkonzept: Erste Hilfe vor Ort und sofortige Benachrichtigung der Behörden im Falle einer Kenterung. Die Landbesatzung wird aus zwei Sanitätern/Ärzten und einem Beobachter/Spotter bestehen. Um auch das küstennahe Seegebiet abzudecken, werden wir ein RHIB mit einer professionellen RHIB-Rettungsmannschaft einrichten, die bei der Suche nach Booten in Küstennähe unterstützen, Hilfe leisten und Personal für laufende Such- und/oder Rettungsaktionen bereitstellen kann.

Gran Canaria, Teneriffa, Lanzarote – Europas neue Gefängnisinseln?


Mission Lifeline wird, genau wie auf den griechischen Inseln, so auch auf den Kanarischen Inseln, in der Menschenrechtsbeobachtung, Dokumentation und Unterstützung in Flüchtlingslagern aktiv werden. Ein entsprechendes Team ist seit Anfang November vor Ort. Bootsflüchtlingen muss nach der Anlandung in einem sicheren europäischen Hafen eine menschenwürdige Aufnahme und der Zugang zu einem fairen Asylverfahren in einem EU-Mitgliedsstaat gewährleistet werden. Das erste allerdings, womit wir unser Team auf Gran Canaria ausrüsten mussten, war ein gutes Teleobjektiv, um die Zustände dokumentieren und ggf. ankommenden Migrantinnen und Migranten ein Gesicht geben zu können. Das zentrale Auffanglager auf Gran Canaria befand sich bis zur Auflösung vor einigen Tagen im Hafen von Arguineguín, wo die Menschen unter schlimmen Bedingungen ihre ersten Tage und manchmal Wochen verbringen mussten.

Ein mehr als 50 Meter von den Zelten des Lagers entfernt, wurde ein gelber Plastikzaun zur Abschottung aufgebaut. Mehrere Polizeibusse waren davor geparkt, damit kein Journalist es wagt, sich zu nähern. Die Informationspolitik der Behörden hat sich in den letzten Wochen und Monaten stark gewandelt. Je mehr Flüchtlinge auf der Insel ankommen, desto entschiedener werden Anfragen der Medien an die Regierung blockiert.
Auch wenn viele Entscheidungsträger und Vertreter internationaler Institutionen die Inseln in jüngster Zeit besucht haben, scheint die Strategie der spanischen Regierung, wie die Krise auf den Kanaren zu bewältigen ist, unklar zu sein. Während Inselpolitiker immer wieder fordern, dass zumindest ein Teil der Menschen endlich auf das spanische Festland gebracht werden sollen, wehrt sich Spaniens Zentralregierung weiterhin vehement dagegen. Sukzessive entstehen auf den größeren Inseln immer mehr Flüchtlingscamps auf stillgelegten Militärgeländen oder ehemaligen Schulen, die z.T. wegen Asbestverseuchung ursprünglich geschlossen wurden. Alle extrem gut abgeschottet und militärisch bewacht.

Viele Geflüchtete kommen aus Ländern wie dem Senegal, Guinea und Marokko. Sie gelten als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge und haben damit kaum Chancen auf ein Bleiberecht. Diese Menschen würde die Regierung am liebsten direkt von der Insel in ihre Heimatländer zurückschicken. Lange Zeit waren die Rückführungen aufgrund der Pandemie ausgesetzt, vergangene Woche starteten wieder erste Abschiebeflüge nach Mauretanien. Die auf den Inseln entstandenen Camps bedeuten für 90% der ankommenden Geflüchteten Abschiebehaft.

Wir werden die Lage und die Situation der Menschen dort beobachten und weiter berichten.

Fotos: Hermine Poschmann, Niklas Fischer,

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