Wir alle müssen unsere Kontakte jetzt drastisch reduzieren

Wir alle müssen unsere Kontakte jetzt drastisch reduzieren

01. November 2020

Kolumne von Ruprecht Polenz

Nein, in diesen Zeiten möchte ich kein Gastwirt sein. Seit Beginn der Corona-Pandemie, also seit acht Monaten, bleiben die Gäste aus. Im Spätherbst wird es zu kalt für die Außengastronomie, die zusammen mit Außer-Haus-Catering manche Gaststätte noch so einigermaßen über Wasser gehalten hat. 

Viele haben in den letzten Wochen in Hygienekonzepte investiert. Und jetzt müssen trotzdem alle Restaurants bis Ende November ganz schließen, obwohl doch, wie vielfach eingewandt wird, kaum Ansteckungen in Gaststätten nachgewiesen worden seien. 

Das stimmt. Aber warum haben sich Bund und Länder trotzdem zu dieser einschneidenden Maßnahme entschlossen?

Seit Wochen steigt die Zahl der Menschen, die sich mit Covid-19 anstecken, dramatisch an. Die Gesundheitsämter sind nicht mehr in der Lage, die einzelnen Ansteckungsketten zurückzuverfolgen. Deshalb lassen sie sich nicht mehr isolieren und stoppen. 

Auch die Zahl schwer Erkrankter steigt. Wir wissen, dass es von der Infektion bis zur Einweisung ins Krankenhaus zwei, drei Wochen dauert. Deshalb steht jetzt schon fest, dass die Intensivstationen in den nächsten 14 Tagen deutlich mehr Patienten aufnehmen müssen. 

Weil sich die Pandemie exponentiell verbreitet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis unser Gesundheitswesen nicht mehr alle Menschen behandeln kann, die eine Behandlung brauchen. Das betrifft dann nicht nur Covid-19-Patienten, sondern auch Menschen mit anderen Erkrankungen.

Das will die Politik in unser aller Interesse verhindern. Da sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt, kommt es darauf an, die Kontakte in Deutschland drastisch, dh um 75 Prozent, zu vermindern.

Das ist nicht leicht gesagt und noch schwerer getan. Denn es gibt Kontakte, die unvermeidbar sind, wenn unser gesellschaftliches Leben nicht zusammenbrechen soll: zB Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit, Lebensmittelversorgung.

Außerdem hat die Politik entschieden, diesmal Schulen und Kindergärten geöffnet zu lassen, solange das irgend möglich ist. Um der Kinder und ihrer Bildungschancen willen, aber auch wegen der Auswirkungen auf die Wirtschaft, wenn Eltern nicht mehr zur Arbeit gehen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen.

Stattdessen sollen alle die Kontakte unterbleiben, die dem Vergnügen und der Unterhaltung dienen. Das ist ein gravierender Einschnitt in die Lebensqualität von uns allen und wir werden Restaurantbesuche, Konzerte, Kino und Theater in den kommenden vier Wochen schmerzlich vermissen. Aber wie sonst soll die epidemiologisch notwendige Verminderung der Kontakte um 75 Prozent gelingen?

Gaststätten und Restaurants sind Treffpunkte, Orte der Begegnung. Und damit eben auch Knotenpunkte in Netzwerken, durch die das Virus weiterverbreitet werden kann.

Dagegen spricht nicht, dass bisher kaum Ansteckungen aus der Gastronomie nachgewiesen wurden. Denn 75% aller Ansteckungen können leider gar nicht nachgewiesen werden. Die Aussage, dass das Gros der Ansteckungen „im privaten Bereich“ erfolge, basiert eben auch auf der Tatsache, dass sie sich dort besonders gut zurückverfolgen lassen. 

Wenn der Vater das Virus von der Arbeit, aus der U-Bahn oder eben aus einem Restaurant mit nach Hause bringt, lässt sich schwer sagen, wo er sich angesteckt hat. Aber man weiß genau, dass seine Tochter sich bei ihm angesteckt hat, also im privaten Bereich. Das Virus kommt aber von außen in die Wohnung.

Deshalb verfügen die Länder jetzt, dass Restaurants, Theater, Kinos und andere Einrichtungen, wo Menschen sich sonst ungezwungen treffen, im November geschlossen bleiben müssen. Die betroffenen Unternehmen werden dafür finanziell entschädigt. Sie sollen bis zu 75 Prozent des Umsatzes erstattet bekommen, den sie im November 2019 hatten. 10 Milliarden Euro wird der Bund dafür bereitstellen.

„Und wer zahlt die ganzen Corona-Hilfen? Am Ende doch wieder der Steuerzahler“, heißt es empört. Ja. Man nennt das gesellschaftliche Solidarität. 

Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

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