Stacheldraht aus Dänemark

Stacheldraht aus Dänemark

04. Januar 2022

Kolumne von Michael Bittner

Geduldet und leise für gut befunden werden die brutalen und illegalen Methoden, mit denen Polen derzeit Menschen an der Grenze das Recht auf Asyl verweigert, von der ganzen Europäischen Union. Aber es gibt auch lauten Applaus, nicht nur aus Ungarn. Auch die dänische Regierung zeigte sich öffentlich begeistert. In Dänemark regieren seit einer Weile Sozialdemokraten mit jener national-sozialen Agenda, die uns in Deutschland Sahra Wagenknecht seit einigen Büchern dringend empfiehlt: Des Arbeiters größter Feind sei nicht sein Ausbeuter, sondern der konkurrierende Migrant. Die Asozialdemokraten in Dänemark sind inzwischen auf diesem Weg so weit fortgeschritten, dass sie selbst Menschen aus Bürgerkriegsländern wie Syrien Schutz und Aufenthalt verweigern wollen. Die Ablehnung trifft dabei „nicht-westliche“ Einwanderer, unverblümt gesagt: solche mit kriminell dunkler Haut.

Der feinste Kniff an der Sache: Die restriktive Politik wird in Dänemark von einem Migrationsminister namens Mattias Tesfaye verkündet, der selbst Sohn eines Flüchtlings aus Äthiopien ist. Das hindert ihn nicht daran, die Forderung zu erheben, Dänemark solle „gar keine Asylbewerber mehr“ aufnehmen. Ob er auch seine rückwirkende Selbstabschaffung vorgeschlagen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall hat er persönlich Stacheldraht nach Litauen überbracht, damit Menschen wie sein eigener Vater es nicht mehr lebend nach Europa schaffen. Es ist wohl so: Wer es selbst schon ins Rettungsboot geschafft hat, der schlägt gerne mal denen mit dem Ruder auf den Kopf, die noch im kalten Wasser schwimmen und verzweifelt versuchen, auch ins Trockene zu klettern.

Was soll man von solchen Typen halten? Keinesfalls angebracht ist es, ihnen ihre Herkunft als moralische Verpflichtung vorzuhalten. Einwanderer und deren Kinder haben selbstverständlich das gleiche Recht wie alle anderen auch, Rechte oder sonstige Arschlöcher zu werden. Von ihnen zu verlangen, sie müssten sich aus Dankbarkeit links engagieren, ist eine subtile Form der Entmündigung. Aber ebenso verkorkst ist der Glaube, man dürfe sie nicht, wenn angebracht, ebenso hart kritisieren wie andere Leute, weil man ihnen wegen ihrer Herkunft demütig und zartfühlend zu begegnen habe. Keinerlei Schonung verdient etwa Priti Patel, die Rechtsaußen-Innenministerin von Großbritannien aus ugandisch-indischer Familie, die Asylsuchende gerne auf einer einsamen Insel internieren würde. Oder der grüne Politiker Tarek Al-Wazir, der, um weiter geschmeidig mit der hessischen CDU regieren zu können, nichts dagegen hat, dass die NSU-Akten des Verfassungsschutzes unter Verschluss gehalten werden.

Es ist in den letzten Jahren auch unter fortschrittlich denkenden Menschen eine Seuche ausgebrochen, die sonst vornehmlich unter Rechten grassierte: die Identeritis. Wer von dieser Krankheit befallen ist, beurteilt Menschen nicht mehr zuerst nach dem, was sie sagen oder tun, sondern danach, was sie ihrer „Identität“ nach vermeintlich „sind“. Wer mit so getrübtem Blick auf die Leute schaut, dem scheinen die Rollen von Freund und Feind immer schon klar verteilt. Aber die Welt ist glücklicherweise komplizierter. Hoffen wir, dass nach dem Ende der Corona-Pandemie auch diese Seuche verschwindet.

Foto: Amac Garbe

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