Rosa Winkel: Warum Erinnern so wichtig ist

Rosa Winkel: Warum Erinnern so wichtig ist

26. Januar 2023

Von Matthias Meisner

Es ist ein wichtiges Zeichen gegen Antisemitismus und Hass. Ja, und endlich auch gegen Homophobie. Der Bundestag beteiligt sich in diesem Jahr wieder an der Kampagne #WeRemember des Jüdischen Weltkongresses und der Unesco. Und so hängt seit ein paar Tagen, pünktlich zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee am 27. April 1945, ein elf Meter langer und dreidimensionaler Schriftzug mit dieser Aufschrift auf der Treppe des Westportals des Reichstagsgebäudes.

Das Gedenken im Bundestag hat in diesem Jahr einen besonderen Aspekt: Zum ersten Mal werden am Freitag die queeren Opfer des Nationalsozialismus im Mittelpunkt stehen. Was im Umkehrschluss auch heißt, dass in den 26 Jahren zuvor – den Gedenktag gibt es seit 1996 – andere Opfergruppen im Mittelpunkt standen. 50 Jahre lang gab es gleich gar keine solche Gedenkveranstaltung im deutschen Parlament.

Den Zeitzeuginnen zuhören, die Opfer nicht vergessen: Auch zum Beispiel der Holocaust-Überlebenden Evelina Merová, geborene Landa, Jahrgang 1930, die hochbetagt seit den 90er Jahren wieder in ihrer Heimatstadt Prag lebt. Ihre Überlebensgeschichte ist besonders ungewöhnlich. 1939 waren die Deutschen in Prag einmarschiert, im Juli 1942 wurde sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert, ins Mädchenheim. Am 15. Dezember 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, überlebte das KZ wie durch ein Wunder. Es folgten noch drei Arbeitslager – Stutthof, Dörbeck, Guttau, bevor sie von der Roten Armee befreit wurde und in ein Militärlazarett kam. Im Sanitätszug in die Sowjetunion nahm sich der leitende Sanitätsarzt ihr an – und adoptierte sie später nach Leningrad, das heutige St. Petersburg, wo sie fünf Jahrzehnte lebte. Bevor sie dann doch endlich in ihre geliebte Heimat zurückkehren konnte.

Nach Jahren des Vergessens hat die Berlinerin Hannelore Brenner den Insassinnen des Raums 28 im Mädchenheim von Theresienstadt eine herausragende Erinnerungsarbeit gewidmet. Eines der Resultate ist die Autobiografie von Evelina Merová „Lebenslauf auf einer Seite“, die 2016 in der Edition Room 28 erschien. In diesem Buch wiederum spielt Fredy Hirsch eine wichtige Rolle, ein aus Aachen stammender homosexueller Jude, dem sie an drei Orten begegnete – in Prag, in Theresienstadt und in Auschwitz. Merová schreibt über ihn, dass sie ihn als Zehnjährige in Prag kennenlernte, wohin er emigriert war. Auf dem jüdischen Sportplatz Hagibor trainierte er die Kinder: „Ein junger, athletischer Mann, sehr sportlich. Er war ein guter Organisator und für uns kleine Kinder fast so etwas wie ein Gott.“

Er musste als einer der ersten Juden aus Prag nach Theresienstadt. „Unser Fredy“, wie Evelina Merová ihn nennt, widmete sich dort wieder den Kindern. Er versuchte, ihnen „inmitten des gehäuften Elends ein relativ schönes Zuhause“ zu schaffen, wie er selbst sagte. Schon 1940 hatte Hirsch seine Vorstellungen jüdischer Jugenderziehung aufnotiert und erklärt, die Zeiten des braven Kindes, „das höflich und folgsam nur das tat, was die Erwachsenen oder die Vorgesetzten ihm sagten“, seien vorbei.

Drei Monate vor Evelina, im September 1943, wurde Fredy Hirsch nach Auschwitz deportiert. Wieder machte er sich für die Kinder stark und konnte bei der SS durchsetzen, dass ein spezieller Block für Kinder entsteht, in dem Sport getrieben, gesungen, und Theater gespielt werden durfte. „Ich glaube, er wollte alles ihm Mögliche tun, um uns zu helfen“, schreibt Evelina Merová in ihrer Autobiografie. „Leider – es ist ihm nicht gelungen.“ Am 8. März 1944 starb Fredy Hirsch unter ungeklärten Umständen in Auschwitz-Birkenau. Er wurde 28 Jahre alt.

Es ist ein Glück, wenn das Leben der Opfer des Holocausts nicht vergessen wird. Der Filmemacher Dirk Kämper veröffentlichte 2015 im Orell Füssli Verlag die erste umfassende Hirsch-Autobiografie: „Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust“. Zwei Jahre später gab es eine Lange Nacht im Deutschlandfunk über Fredy Hirsch, den „klugen und unerschrockenen Humanisten in der Hölle von Auschwitz“, der versuchte, den grausamen KZ-Alltag ein wenig zu erleichtern. In dem Radio-Feature hieß es: „Als homosexueller Jude war er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten doppelt bedroht.“ 2019 brachte „ZDF-History“ eine Doku über den „deutschen Helden“, die allerdings leider in der Mediathek nicht mehr verfügbar ist.

Von Aachen aus war Fredy Hirsch 1932 zunächst nach Frankfurt am Main gezogen, dann 1934 nach Dresden, wo er als Sportlehrer für den jüdischen Sportverband Makkabi arbeitete. Sein Autobiograf Dirk Kämper vermutet, dass sein dort nur kurzer Aufenthalt mit der verschärften Verfolgung von Homosexuellen durch die Nazis zu tun hat. Er sagt: „Ein falscher Blick zwischen zwei Männern konnte dafür sorgen, dass man bei der Gestapo gelandet ist. Und die Gestapo ging mit solchen Leuten, mit Homosexuellen, alles andere als vorsichtig um.“ Das Exil in Prag sollte ihn schützen – aber das tat es nicht lange.

Evelina Merová erwähnt in ihrem Buch gar nicht, dass Fredy Hirsch schwul war. Vermutlich war es ihr, selbst wenn sie es erst nach seinem Tod erfahren hat, nicht wirklich wichtig. Aber wichtig ist die Erinnerung, das #WeRemember, unser Erinnern. Eben nun, Jahrzehnte zu spät, auch an die KZ-Insassen, die wegen ihrer Homosexualität verschleppt wurden und an ihrer Häftlingskleidung einen Rosa Winkel als Stoffaufnäher auf ihrer linken Brust tragen mussten. Und die als Opfergruppe bisher noch nie im Mittelpunkt standen.

Am Freitag bei der Gedenkstunde im Bundestag wird die Schauspielerin Maren Kroymann einen Text über Mary Pünjer vortragen, die ins KZ Ravensbrück kam, weil sie als „freche Lesbierin“ aufgefallen war. 1942 wurde sie im Alter von 37 Jahren ermordet, in der als Gasmordanstalt genutzten „Landesheil- und Pflegeanstalt“ in Bernburg an der Saale.

Kroymanns Schauspieler-Kollege Jannik Schümann liest den Text über den schwulen Krankenpfleger Karl Gorath, der nach Paragraf 175, „widernatürlicher Unzucht“, mehrfach inhaftiert wurde, die KZs Neuengamme, Auschwitz und Mauthausen überlebte. Nach dem Krieg wurde er 1947 abermals verurteilt – von demselben Richter, der ihn schon 1939 bestraft hatte. Schümann schilderte das 1998 in einem der wenigen Interviews, die er gab, so: „Rabien hieß der Kerl. Er empfing mich im Gerichtssaal mit den Worten: ,Sie sind ja schon wieder hier!‘ Er hat mich dann zur Höchststrafe verurteilt – nach demselben Gesetz wie 1939.“ Karl Gorath starb 2003 im Alter von 91 Jahren in Bremerhaven. Das Holocaust-Gedenken in diesem Jahr ist auch wegen der Kontinuitäten des Unrechts aktuell.

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