Rassismus im Strandbad

Rassismus im Strandbad

27. August 2022

Von Matthias Meisner

Der in Ost-Berlin geborene und aufgewachsene Historiker Patrice Poutros mag es noch immer nicht so richtig fassen. Vor ein paar Tagen hieß es im Newsletter Checkpoint der Zeitung „Tagesspiegel“, dass die Betreiber des Strandbads Grünau offenbar „zu viel Sonne abbekommen haben“ – mit Blick auf die Kontrollen an der Kasse, bei denen nach der Postleitzahl der potentiellen Badegäste gefragt werde und bloß Besucherinnen und Besucher Einlass erhalten. „Friedrichshainer werden reingelassen, Neuköllner nicht“, heiß es. Und, noch ärger, die Zeitung zitierte aus einer Google-Bewertung: „Das Strandbad sortiert ziemlich offensichtlich und mit fadenscheinigen Ausreden Menschen mit Migrationshintergrund aus. Zutritt haben hier nur deutsche Mitbürger.“

Poutros erinnert sich an frühere Zeiten: „Ich bin ja aus der Gegend. Mit Treptow und Köpenick verbindet mich so vieles.“ Als junger Kerl sei er in dem Bad vom Turm gesprungen, unweit von dort habe sein Ruder-Verein gelegen. „Lauter gute Erinnerungen. Aber diese Geschichte erfüllt mich mit Scham und Sorge. Wenn das das Bad voll ist, dann ist es voll, aber Einlass in eine öffentliche Einrichtung nach Wohn- oder Geburtsort ist eine höchst problematische Angelegenheit und sollte niemals wieder erfolgen. Es ist nicht nur Unrecht, sondern auch eine Gefahr für das Zusammenleben in Berlin und darüber hinaus.“

Wenn das mal alle so sehen würden. Doch der Pächter des Strandbades, das ihm von den Berliner Bäder-Betrieben überlassen ist, bekam auch erstaunlich viel Beifall für sein diskriminierendes und rassistisches Einlassregime. Nicht nur, erwartungsgemäß, von der AfD. Der Köpenicker FDP-Politiker Stefan Förster, Mitglied des Abgeordnetenhauses, sagte: „Pächter haben die unternehmerische Freiheit, den Zulass so zu gestalten, dass das Bad nicht überfüllt ist und sich alle Gäste dort wohlfühlen.“ Recht direkt heizte er die Ressentiments an: „Da der Pächter des Strandbads Grünau viel investiert hat, besteht bei ihm auch ein Interesse am Erhalt eines guten Zustands.“

Krasser noch waren viele Reaktionen in den sozialen Netzwerken und in den bei der Lokalpresse eingehenden Kommentaren von Leser:innen. Dort schaukelte sich ein Mob hoch, für den Menschen mit Migrationshintergrund pauschal und ohne jede Ausnahme als „Grapscher“, „Gewalttäter“ oder schlicht „Spackenbanden“ gelten.

Im Kommentar eines Mannes, der laut Twitter-Profil gelernt hat bei der rechtsradikalen Zeitung „Junge Freiheit“, hieß es: „Ich war mal dort, als viele Gäste aus der Innenstadt und fernen Ländern drinnen waren. Das Ergebnis: Haufenweise Sicherheitspersonal, unwohliges Gefühl und Stress im Eingangsbereich. Der neue Besitzer macht seine Arbeit sehr gut!“ Für seinen Kommentar bekam der Mann bis zum vergangenen Freitag fast 500 Likes.

Andere fragten, wie die Regelung von jenen kritisiert werden könnte, die zuvor 2-G-Regeln mit Einschränkungen für Ungeimpfte verteidigt hätten: „Apartheidsbefürworter findet Apartheid plötzlich doof. Sie haben dieses Verhalten legitimiert.“ Ein anderer Kommentator relativierte nur wenig. Mit Blick auf die Situation in den Berliner Bädern, die in diesem Sommer noch einmal mehr eskaliert sei, könne man die Zugangsbeschränkungen „ein wenig verstehen, auch wenn es mir leid tut für alle, die in Sippenhaft genommen werden“.

Julia Schmitz, Lokalreporterin des „Tagesspiegels“, zeigte sich erschrocken über die vielen hässlichen Kommentare und den Applaus für die Strandbad-Pächter. Sie twitterte: „Um das nochmal zu verdeutlichen. Es geht nicht um Einlassstopp, wenn es zu voll ist.“ Sondern darum, dass Menschen mit Migrationshintergrund oder solche, die nicht in der Nähe wohnen, abgewiesen würden, „selbst wenn das Bad nicht überfüllt ist“. In Mails an sie werde argumentiert, dass man froh sei, „dieses Volk“, das nur grapsche und gaffe, nicht im Strandbad zu haben. „Damit sind offensichtlich Menschen mit Migrationshintergrund gemeint & das ist alles so widerlich, ich muss gleich mein Postfach ausräuchern.“

Man könnte sich trösten, denn es gibt immer noch die offizielle politische Linie: „Öffentlicher Badebetrieb heißt, dass kein Mensch in unserer Stadt willkürlich der Zutritt zu einem Bad verweigert werden darf“, sagt Innensenatorin Iris Spranger von der SPD: „Ich erwarte, dass der Pächter des Strandbades Grünau das umsetzt.“

Aber so einfach liegen die Dinge nicht, im Gegenteil. Sehr und viel zu lange wurde im konkreten Fall Alltagsrassismus in und aus der bürgerlichen Mitte legitimiert. Zunächst auch von den Berliner Bäder-Betrieben selbst. Als Verpächter verteidigten sie in einem ersten Statement die Praxis, wie das Boulevardblatt „B.Z.“ berichtete: Der Pächter habe „den öffentlichen Badebetrieb während der Sommersaison sicherzustellen“, hieß es. „Alle darüberhinausgehenden Vorgehensweisen liegen allein im Ermessen des Pächters, der über das Hausrecht verfügt.“ Erst später korrigierten die Bäder-Betriebe: „Öffentlicher Badebetrieb heißt, dass die Teilnahme am öffentlichen Badebetrieb allen Menschen ohne Einschränkungen zu gewähren ist.“

Nun soll es an diesem Montag ein Gespräch der Bäder-Betriebe mit dem Strandbad-Pächter geben. Von dem gab es zuvor kein Signal des Einlenkens und auch keine Einsichtsbekundung. Die weiteren Aussichten am Strandbad Grünau: Es bleibt trüb.

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