Vor dem Weltuntergang

Vor dem Weltuntergang

28. Juli 2022

Von Matthias Meisner

Es ist eine düstere Bilanz, die der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen aus Gehrden bei Hannover vor einigen Tagen zog. Er hatte sich bei Twitter, Facebook und Telegram in die Welt der Querdenker:innen begeben. Seine pessimistische Einschätzung: „Hier gibt es eine Minderheit, die sich vom demokratischen Miteinander entkoppelt hat. Nicht aus Angst, sondern aus größter kollektiver Lust.“

Ein paar Beispiele aus Dierssens vielgeteilten Twitter-Thread: Aus der Politik heiße es, dass Abstiegsängste ernst genommen werden müssten, schreibt er. „Ich habe von Menschen mit Untergangsfantasien gelesen, die den kollektiven Abstieg zelebrieren, die Armut und Zerrüttung als Boten eines Systemwechsels feiern. Die einen spendablen Staat ablehnen und verlachen.“

Oder: Es heiße oft, Ängste vor einem Krieg mit Russland müssten ernst genommen werden. „Ich habe von Menschen gelesen, die den Krieg wollen, die von russischen Panzern auf deutschen Straßen fantasieren und Mord und Vertreibung als Mittel der Politik goutieren. Ohne Mitleid, lustvoll.“

Oder: „Ich habe von Menschen gelesen, die interessiert in ihrer Telegram-Gruppe lesen und diskutieren, wie die intergalaktische Föderation auf die deutsche Innenpolitik reagiert. Flat Earth, Echsenmenschen, Adrenochrom sind wichtige Themen an deutschen Couchtischen.“

Unglaublich? Nein. Doch. Oh.

Die Probe aufs Exempel: ein Blick in die Telegram-Gruppe von Querdenker:innen aus einer bayerischen Kleinstadt. Erst ging es nur um Kritik an den Maßnahmen, gemeinsame Fahrten zu Demonstrationen, Vorbehalte gegen die Corona-Impfung, „Spaziergänge“. Aber mehr und mehr heizt sich die Stimmung auf, der Angriffskrieg gegen die Ukraine mit allen seinen Folgen hat das beschleunigt: Es geht nun um den Kampf gegen „die Eliten“, Verschwörungstheorien, Weltuntergangsfantasien. Presse und öffentlich-rechtlicher Rundfunk gelten unter den Querdenker:innen als „Mainstream-Lügenmedien“. Und die Angst vor Notstandsverordnungen wird geschürt.

Martina (Namen geändert), eine der Orga-Chefinnen der Telegram-Gruppe, schreibt: „Ich weiß aus sicherer Quelle, Bekannte meiner Schwester, deren Bruder arbeitet im Bundestag, dass spätestens im Winter der Blackout geplant ist und Enteignung läuft.“ Und: „Die Menschen werden hungern und frieren und somit gefügig gemacht.“ In einem anderen Posting rät Sybille: „Liebe Mitglieder, sorgt vor, kauft euch jetzt wichtige Lebensmittel auf Vorrat, so lange ihr das noch könnt.“ Sie schreibt weiter: „Ich habe in den letzten zwei Tagen 18 Gläser Kohlrabi eingekocht. Einkochen ist kein Hexenwerk. (…) Ran ans Gemüse!“ Richard ergänzt: „Und denkt an alles andere wichtige. Nudeln, Klopapier…“ Und wenn die Energie knapp wird? Auch dafür werden Ideen ausgetauscht: Verlinkt ist der Hinweis auf eine Töpferei im sächsischen Königswartha, die Kochen und Heizen mit einem Tischofen möglich machen möchte. Betrieben mit Teelichtern.

Es wäre komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Aber es ist eben: tragisch. Denn es äußern sich nicht bloß – die gibt es auch – Rechtsradikale. Viele der kruden Stimmen kommen aus der Mitte der Gesellschaft.

Vor ein paar Tagen verschickten die Querdenker:innen aus Bayern US-Impfpläne für Kleinkinder. Angebliche Inhaltsstoffe: Frostschutzmittel, Nervengift, Rinderblut und krebserregendes Konservierungsmittel. Orga-Chefin Martina behauptete in einem Posting: „In lebenden und sogar toten Geimpften sind Bluetooth-Adressen nachweisbar.“ Mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ könnten PCR-Tests sogar Ungeimpfte identifizierbar machen. Immerhin der letzte Eintrag wurde wieder gelöscht. Es waren dann in der Telegram-Gruppe doch Zweifel aufgekommen.

Es sind verrückte Zeiten, schwierige Zeiten, keine Frage. Und ja, die Inflation steigt, Energie wird knapper, es gibt Krieg in Europa. Dass aber als Reaktion darauf immer mehr Menschen abdriften in verschwörungsideologische Milieus, ist nicht nur tragisch, es ist gefährlich. Gegenöffentlichkeiten entstehen, offen für Propaganda und Einflussnahme. Oder, um es mit den Worten des Arztes Oliver Dierssen zu sagen: „Ich habe von Menschen gelesen, die sich nach bedingungsloser Stärke sehnen (…). Eine ,Stärke‘, die jede Demokratie niederwerfen und zerstören würde.“

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