Moskauer Tagebuch

Moskauer Tagebuch

24. März 2022

Von Matthias Meisner

Mein Freund Alexej will diesen Krieg nicht. Mir war nach dem 24. Februar ein wenig bang, ob er als Moskauer vielleicht doch etwas Verständnis für Putin haben könnte. Aber zum Glück überhaupt nicht. Er hat dann sehr bald geschrieben: „Lieber Matthias, wir sind erdrückt, bedrückt, niedergeschlagen. Und Geisel einer tollwütigen Bande.“

Die engsten Verwandten und Freunde von Alexej, der eigentlich anders heißt, wohnen in Kiew. „Die Zukunft hier ist total unklar, in jeder Hinsicht…“, sagt er.

Anfangs, als es noch ging, hat Alexej seiner Wut auch auf Facebook Ausdruck gegeben. Jetzt bekomme ich alle paar Tage WhatsApp-Nachrichten von ihm. Anfang März berichtet er, dass Russ:innen massenhaft versuchen auszureisen in Nachbarländer, vor allem nach Armenien und Georgien. In Eriwan gebe es kaum noch Unterkünfte. Die Justiz in Russland gehe unnachgiebig gegen jene vor, die statt „Sonderoperation“ vom „Krieg“ sprechen. Antikriegsaktionen werden der Mitgliedschaft in extremistischen Vereinen gleichgestellt. „Immer mehr Blogger schließen aus Angst vor einer strafrechtlichen Verfolgung ihre Accounts.“

In der Ukraine vertrauen viele den russischen Kriegsgegnern nicht. Haben die kritischen Menschen in der russischen Zivilgesellschaft zu lange geschwiegen? Alexej schreibt aus Moskau: „Die Menschen, die hier seit Jahren gegen die Macht auftreten, die besten Köpfe und Herzen Russlands, die als Europäer denken und handeln, die Jugend, die noch nach Antworten sucht, sie fühlen sich mitausgeschlossen und über einen Kamm geschoren.“

Es wird gestritten in Deutschland und Europa: Ist der völkerrechtswidrige Angriffskrieg „Putins Krieg“? „Er allein hat ihn zu verantworten“, twitterte Bundeskanzler Olaf Scholz in Reaktion darauf, dass Menschen, die aus Russland stammen, in Deutschland beschimpft, beleidigt oder körperlich angegriffen werden. Marina Weisband widerspricht: „Ich finde die Bezeichnung ,Putins Krieg‘ zunehmend schwierig. Putin schießt nicht auf Ukrainer. Putin verprügelt keine Demonstranten. Und Putin stellt keine Schulkinder in ,Z‘-Formation auf.“

Am 14. März stürmt die Journalistin Marina Ovsyannikova die Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens und hält ein Schild hoch: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen!“ Alexej schickt mir ein Video der Szene, die Millionen in Russland live vor den Bildschirmen verfolgt haben und das nun auch in sozialen Medien – so sie noch verfügbar sind – viral geht. „Das könnte einen Knick geben“, hofft er.

Doch die Staatsmacht denkt gar nicht daran klein beizugeben. In der Moskauer Innenstadt hält eine Frau eine Schild mit der Aufschrift „два слова“, „zwei Worte“ hoch – sie wird von Polizeieinheiten abgeführt, weil dies als Synonym für „kein Krieg“ gilt. Alexej erzählt, in Nowosirbirsk sei ein Mädchen festgenommen worden, das ein Stück Papier ohne jede Aufschrift in der Hand hielt. „Orwell wird zur langweiligen faden Lektüre im Vergleich“, schreibt er.

Schon Anfang März hatte Alexej damit gerechnet, dass bald „eine Million glückliche Landsleute“ auf einer staatlich organisierten Demonstration zur Unterstützung von Putin zu sehen sein würden. Stattdessen gibt es gibt es nun täglich tausende kleine Pro-Proteste. Im Propagandainstrumentarium des Kremls spielt das „Z“ eine zentrale Rolle, zuerst nur zu sehen auf Fahrzeugen und Uniformen der Invasionstruppen, dann bald auch auf zivilen Fahrzeugen und der Kleidung von Zivilisten. Das russische Verteidigungsministerium erklärt in einem Instagram-Post, „Z“ stehe für „За Победу“, „Za Pobedu“ – übersetzt: „Auf den Sieg“.

Fast alle Busse in Moskau fahren mit einem „Z“-Aufkleber, einige Autofahrer:innen machen es freiwillig, schreibt Alexej. Er schickt mir Bilder mit Kindern in „Z“-Formation, aus einem Dorfklub im Krasnojarsker Gebiet, einem Kindergarten in Kurgan, einem Heim in Kasan. Und auch welche von Mikhail Khokhlov, dem Direktor der renommierten Moskauer Musikschule Gnessinka: Er hat ein Konzert mit dem Kinderorchester der „Sonderoperation“ gewidmet und mit dem „Z“ an der Brust dirigiert. Eine Mutter habe sich „absolut empört“ gezeigt über die unangekündigte „politische Aktion“ des Musikers.

Alexej und ich tauschen Nachrichten aus über das, was wir aus Mariupol und anderen Städten der Ukraine hören. Luzia Tschirky, eine Reporterin des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), hat gerade auf Twitter geschrieben: „Meine Bekannten aus Mariupol haben bis auf eine Ausnahme alle ihr Zuhause aufgrund eines Beschusses durch die russische Armee verloren. Niemand kann die getöteten Zivilisten von den Straßen räumen. Durch die Stadt zieht ein kaum auszuhaltender Gestank von verwesenden Leichen.“

Alexej schreibt: „Ja, ich lese die Blogs der Einheimischen von dort… Horror.“ Er ist fassungslos über die Dreistigkeit, mit der die russische Propaganda die Fakten über den Krieg gegen die Ukraine verdreht. Dort heißt es, wie Alexej zitiert, die „seltenen Opfer“ unter den Zivilist:innen seien darauf zurückzuführen, „dass die Neonazis sie als Geiseln festhalten und als lebendige Schutzschilder benutzen“.

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