MADE IN GERMANY

MADE IN GERMANY

11. November 2020

Kolumne von Stephan Anpalagan

194 Länder gibt es auf der Welt. Jedes einzelne Land, jeder Kontinent, jede Region dieser Erde ist vom Corona-Virus betroffen, die Bevölkerung bedroht, die Kranken und Schwachen in hohem Maße gefährdet.

Es gibt wohl kaum etwas, was in diesen beinahe apokalyptischen Zeiten eine derartige Erlösungshoffnung bereitet wie die Aussicht auf einen Impfstoff gegen dieses Virus. Einen Impfstoff, der die Rückkehr zur Normalität und zu Gemeinschaft und Nähe ermöglichen könnte.

Diesen Impfstoff gibt es nun möglicherweise. Und von allen Länder dieser Welt wurde er ausgerechnet in Deutschland von einem deutschen Ehepaar entwickelt. Das könnte ein Grund zu Freude, Stolz und Anerkennung sein. Könnte.

Die beiden Deutschen, die diesen Impfstoff federführend entwickelt haben heißen Uğur Şahin und Özlem Türeci. Beide sind Lehrbeauftragte für Medizin an der Universität Mainz und gehören zu Deutschlands Spitzenforschern im Bereich Biotechnologie und Onkologie. Şahin erhielt 2019 den deutschen Krebspreis, Türeci ist Vorsitzende des Forschungs-Spitzenclusters für individualisierte Immunintervention des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Man könnte also sagen, die kennen sich aus.

Das alles ist, wenn man nicht zufälligerweise mit Onkologie und Krebsforschung zu tun hat, mäßig bis gar nicht interessant. Interessant ist vielmehr die öffentliche Wahrnehmung der beiden, die, würden sie Max und Erika Mustermann heißen, deutscher nicht sein könnten. Ob Şahin gerne Dampfnudeln isst oder Türeci gerne Discofox tanzt, ist nicht überliefert. Dass ihr Lebensmittelpunkt, ihre wissenschaftliche Karriere und ihre wirtschaftliche Existenz seit vielen Jahrzehnten fest in Deutschland einzementiert ist, hingegen schon.

Das alles muss man im Hinterkopf behalten, um die Absurdität der folgenden BILD-Titelzeile hinreichend zu würdigen:

„Der Vater des deutschen Impfstoff-Wunders – Ugur Sahin (55) kam als Vierjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei nach Köln“ (1)

Der Referenzrahmen ist klar: Das Impfstoff-Wunder ist deutsch, Şahin hingegen türkisch. Das ist so ähnlich wie bei „Wir sind Papst“, nur dass der Papst in diesem Fall muslimisch ist und Krebs heilt und nicht Kondome verteufelt und dadurch Aids verbreitet.

Die CDU geht mit ihrer Bewertung der Lage in dieselbe Richtung:

„Die Entwicklung des Corona-Impfstoffes „Made in Germany“ ist ein gutes Signal. Özlem Türeci & Uğur Şahin stehen für ein offenes & modernes Deutschland, die transatlantischen Beziehungen und den gemeinsamen Kampf gegen Corona.“ (2)

Der Impfstoff ist „Made in Germany“, im Gegensatz zu Türeci und Şahin. Immerhin sühnen die beiden ihr fehlendes Ariertum dadurch, dass sie Deutschland zu einem offenem und modernem Image verhelfen. Die Welt als Freund bei Gastarbeitern. Gewissermaßen.

BILD und CDU – zwei wie Pech und Schwefel. Böse Zungen würden behaupten, man könne das gar wörtlich verstehen.

Es ist noch nicht so lange her, da sprach Horst Seehofer passenderweise in der BILD davon, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Wäre es so wie der Bundesinnenminister sagt, würde das die beiden Impfstoff-Wunder-Eltern ganz direkt betreffen. Sie sind nämlich Muslime. Derselbe Seehofer sprach auch davon, dass Migration die Mutter aller Probleme sei. Wäre dem so, würde das die beiden Impfstoff-Made-in-Germany-Entwickler ebenfalls direkt betreffen. Ihre Eltern sind nämlich als Migranten nach Deutschland gekommen. Selbst die sonst so moderate Angela Merkel sprach einmal davon, dass „Multikulti“ gescheitert sei und führte als positives Beispiel für die gelungene Integration in Deutschland einen gewissen Mesut Özil an.

Auch wenn Özlem Türeci und Uğur Şahin derzeit als Vorzeigemigranten portraitiert und ihre Leistungen in eine historische Kontinuität deutscher Wissenschaftserfolge eingegliedert werden, bleiben sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch dieselben Gastarbeiterkinder, die sie vor 40 Jahren waren. In dieser Funktion dürfen sie sich in schöner Regelmäßigkeit von Clan-Kriminalität, Islamismus und Erdoğan distanzieren und ihre Zeit damit verbringen, deutschen Journalisten zu erklären, wie sie es mit dem Ramadan halten. Ist ja jetzt auch nicht so, als ob die beiden irgendwas besseres zu tun hätten. Vom globalen Kampf gegen Krebs und Corona mal abgesehen.

Türeci und Şahin sind zwei deutsche Wissenschaftler. Als solche haben sie einen Corona-Impfstoff entwickelt und werden diesen der Welt zur Verfügung stellen und dadurch das Leben von Milliarden Menschen verbessern. Dass bei alledem nicht die überragende Leistung dieser beiden außergewöhnlichen Menschen im Vordergrund steht, sondern ihre türkischen Wurzeln und ihr muslimischer Glaube, ist ein Armutszeugnis für ein Land, das so dumm ist, diese Ausgrenzungsstrategie auch noch als Offenheit und Modernität fehlzuinterpretieren.

Es bleibt zu hoffen, dass sich all dies eines Tages ändert und wir uns in Zukunft anderen, dringenderen Fragen widmen können. Zum Beispiel, ob Türeci und Şahin gerne Dampfnudel essen oder gar Discofox tanzen.

Und egal wie die Antwort darauf lauten würde, es würde der Freude, dem Stolz und der Anerkennung keinen Abbruch tun. Wie es eben nunmal ist, bei 100% „Made in Germany“.


1) https://www.bild.de/bild-plus/geld/wirtschaft/wirtschaft/mainzer-firma-biontech-gelang-der-durchbruch-der-vater-des-deutschen-impfstoff-w-73859918,view=conversionToLogin.bild.html
2) https://twitter.com/CDU/status/1326149166406496258

Foto: Jan Ladwig

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