Ich glaube, ich hasse Andreas Scheuer.

Ich glaube, ich hasse Andreas Scheuer.

07. September 2020

Kolumne von Stephan Anpalagan

Nun ist Hass ein starkes Wort, aber was soll man anderes fühlen, wenn sich Politiker Verordnungen ausdenken, um Menschen gezielt und qualvoll ertrinken zu lassen?

Um beim Beispiel Andreas Scheuer zu bleiben: Erst halten sein Ministerium und die BG Verkehr Seenotrettungsschiffe fest, dann verlieren sie nach einer Klage darüber einen Gerichtsprozess und anschließend ändern sie im Nachgang die entsprechende Verordnung, um weiterhin Seenotrettungsmissionen zu sabotieren.

„Ziel der neuen Verordnung ist schlicht, unsere Einsätze zu verhindern. Anscheinend sieht Andreas Scheuer lieber Menschen im Mittelmeer ertrinken, als dass sie Europa lebend erreichen.“, sagen Menschen, die sich in dieser Materie auskennen [1].

Tja.

-Der Innenminister verhindert auf europäischer Ebene die Seenotrettung.
-Der Verkehrsminister überzieht private Rettungsorganisationen mit Verboten.
-Der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes spricht vom „Shuttle-Service“.
-Die BILD berichtet mit blutrünstiger Sensationslust über Fehlverhalten und Straftaten von Flüchtlingen.

Man könnte fast meinen, dies sei ein perfides Spiel, eine beschissene Medienkampagne. Wären da nicht die 20.000 Menschen, die seit 2014 auf dem Mittelmeer ertrunken sind. [2]

Zwanzigtausend Menschen.

Was machen wir hier eigentlich?

Als eine britische Touristin von einem Kreuzfahrtschiff fällt, setzt Europa alles in Gang, um sie zu retten. Rettungsboote, Hubschrauber, technischer Schnickschnack, kommen zum Einsatz. Niemand ruht, bevor sie gerettet ist.

Die Frau ist weiß, sie hat Geld und hat nicht sich selbst und ihre Kinder dem Tod ausgesetzt, weil sie vor Bürgerkrieg und Hungersnot geflohen ist.

„Der Kapitän des Rettungsschiffes sagte, es sei ein unvergleichliches Gefühl, ein Menschenleben gerettet zu haben. […] Man stelle sich vor, sie hätten statt der Britin aus Versehen eine dahintreibende Frau aus dem Tschad entdeckt, dem gleichen Kapitän würde eine Anklage drohen.“ [3]

Wie zynisch kann ein ganzer Kontinent sein? Der reichste Kontinent in der Geschichte der Menschheit.

Wir lassen schwarze Menschen MIT ANSAGE im Meer ertrinken und diskutieren aus unseren gemütlichen Wohnzimmern heraus, ob Rassismus existiert. WÄHREND MENSCHEN ERTRINKEN. UND WIR IHRE RETTUNG VERBIETEN. WEIL SIE SCHWARZ SIND.

Keine der Beschränkungen, keine der Verordnungen, keine der juristischen Hürden, die Seenotretter auf dem Mittelmeer berücksichtigen müssen, gelten für die Seenotrettung in der Nordsee. Was wiederum nur allzu deutlich vor Augen führt, welches Leben in diesem Land als lebenswert gilt – und welches nicht.

Was genau ist eigentlich kaputt mit uns?

Ich habe leider kein kluges Fazit. Ich bin müde und resigniert. Menschen zu sehen, die sterben müssen, nur weil sie so aussehen wie ich, ist nicht einfach.

Protestiert, geht wählen und unterstützt die Seenotrettungsorganisationen mit allem, was Ihr habt. Boykottiert Medien, die die Mär des Pull-Faktors verbreiten, schreibt Euren Bundestags- und Landtagsabgeordneten, bekniet Eure Landräte, sorgt dafür, dass Eure Kommune Menschen in Not aufnimmt.

Noch einmal: Das hier ist keine Übung, es geht um die Rettung von Menschenleben.

Ich bitte Euch.

Bleibt behütet.

Foto: Jan Ladwig

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