Der Reporter

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19. Januar 2022

Die Zurückgelassenen

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben. Sie wollen raus, doch es fehlt an Geld, an Infrastruktur und vor allem an politischem Willen Deutschlands, das 20 Jahre lang Krieg im Land geführt hat. Mission Lifeline ist nach Afghanistan gefahren, um die Geschichten jener zu hören, die zurückgelassen wurden.

Teil 10: Der Reporter

Sein Laptop platzt gefühlt vor Bildern der wichtigsten Militärfunktionäre der afghanischen wie auch US-amerikanischen Armee. Wir sitzen neben Yassin in einem Haus, das nicht ihm gehört, irgendwo in einem Vorort von Mazar-e Scharif im Norden Afghanistans. Er hat Hunderte Fotos und Videos in Dutzenden Unterordnern auf seinem Laptop versteckt. Bilder von ihm mit einem amerikanischen Viersternegeneral, mit den obersten Generälen der Afghanischen Nationalen Armee, Bilder auf Missionen mit Elitesoldaten.

Auf den ersten Blick wirken diese Bilder beeindruckend, aber auch skurril. Außerdem muss man sich immer fragen, warum Journalisten einen solch intimen Zugang zu den obersten Rängen irgendeines Militärs erhalten. Oft wird im Gegenzug verlangt, dass sie eine sehr einseitige Berichterstattung aus Sicht ihrer Gönner liefern. Doch Yassin ist eine Ausnahme. Er bricht 2010 ein Jurastudium ab und beginnt als Fernsehreporter zu arbeiten – hauptsächlich für Militärberichterstattung und befindet sich oft an erster Front, um vom Kampf der Afghanischen Nationalarmee in Kooperation mit den internationalen Streitkräften gegen die Taliban zu berichten. Im Laufe seiner Karriere erhält er eine eigene Talkshow, deren Namen wir hier aus Sicherheitsgründen nicht nennen dürfen.

Er empfängt prominente Gäste aus der Regierung, sie reden über gesellschaftliche Missstände, strukturelle Ungerechtigkeit und vor allem: über Korruption. Yassin macht sich in dieser Zeit nicht nur Freunde, aber er kann sich durchsetzen. Er steigt auf und wird Intendant eines bekannten Nachrichtensenders. Eine transparente demokratische Berichterstattung ist ihm wichtig. Und zwar eine, die von und für Afghanen gemacht wird. Er ist bei Weitem nicht der Einzige mit diesem Ziel. Afghanistan war und ist immer noch ein Land voller guter – weiblicher wie männlicher – Journalisten, die trotz aller Gefahren für eine unabhängige Medienlandschaft kämpfen. Doch bereits vor der Machtübernahme war es ein harter Kampf. Neben gezielten Attentaten auf Journalisten war vor allem der Versuch der Einflussnahme durch Politik und Geheimdienste eine große Hürde. Auch er erhält über die Jahre unzählige Anrufe von verschiedenen Personen, die ihn aufgrund seiner Arbeit bedrohen.

Heute ist er ein gesuchter Mann und versteckt sich – wie so viele seiner Kollegen, die es nicht rausgeschafft haben. Als seine Heimatstadt Mazar-e Scharif in die Hände der Taliban fällt, weiß er sofort, dass sein Leben in höchster Gefahr ist. Gute Freunde helfen ihm bei der Flucht. Er geht nach Termez, Usbekistan und probiert von dort aus für sich und seine Familie ein Visum in einem westlichen Staat zu ergattern – vergeblich. Wegen seiner Frau und ihren gemeinsamen Töchtern kehrt er zurück dorthin, wo ihn jeden Tag ein gewaltsamer Tod erwarten könnte.
Während die internationale Berichterstattung oft von einer „gemäßigten“ Taliban berichtet, diese auch tatsächlich sich Mühe geben und im öffentlichen Raum meist zurückhaltend reagieren, gibt es das andere, das dunkle, hässliche, ja das wahre Gesicht der Gruppe, deren Interpretation des Islams keinen platzt für Andersdenkende, freiheitsstrebende Menschen wie Yassin lässt. Nachts durchkämmen sie die Wohnviertel und suchen nach ihren Feinden. Das geht besser denn je zuvor: In den vergangenen Monaten konnten die Taliban ungeheure Datenmengen aus ehemaligen Regierungsgebäuden und Medienhäusern sammeln und ihren eigenen Geheimdienst weiter ausbauen.

„Wie kann es sein, dass ich noch hier bin?“, es wirkt so, als stellt er die Frage mehr sich selbst als uns an diesem nebligen Wintermorgen in Afghanistan. „Ich war Intendant, ich war so oft im Feld unterwegs, ich hab so viel geopfert, so viel berichtet, wie kann es sein, dass ich noch hier bin?“ Dutzende Mails hat er geschrieben: An Reporter ohne Grenzen, an die Internationale Journalisten-Föderation, der größte internationale Dachverband nationaler gewerkschaftlicher Journalistenverbände und viele mehr. Er ist sich sicher, wenn ihm niemand hilft, stirbt er eines Nachts in irgendeiner Seitenstraße in Mazar-e Scharif. Genau dort, wo er über zehn Jahre lang als Journalist für eine bessere Welt, ein besseres Afghanistan gearbeitet hat.

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