Gemeinsam stark

Gemeinsam stark

18. Januar 2022

Die Zurückgelassenen

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben. Sie wollen raus, doch es fehlt an Geld, an Infrastruktur und vor allem an politischem Willen Deutschlands, das 20 Jahre lang Krieg im Land geführt hat. Mission Lifeline ist nach Afghanistan gefahren, um die Geschichten jener zu hören, die zurückgelassen wurden.

Teil 9: Gemeinsam stark

Er war von Anfang an dabei: Seitdem die deutsche Bundeswehr in der Provinz Balkh im Norden Afghanistans im Jahr 2006 die Kommandoführung übernimmt, erhält der heutige Doktor Jamshid einen Arbeitsvertrag. Er beginnt als einfacher Bauarbeiter, steigt 2009 zum Teamleiter und Vorarbeiter auf und erhält fortan einen Lohn von 370 US-Dollar im Monat. Regelmäßig liefert er den deutschen Offizieren Berichte über den Arbeitsstand, doch innerhalb seines Teams regt sich Unmut. Vor allem ein Mitarbeiter verweigert sich seinen Anweisungen, droht ihm sogar. Jamshid berichtet dies, der aufmüpfige Arbeiter namens Awwal Khan, ein Paschtune aus der Provinzhauptstadt Mazar-e Scharif, wird gefeuert. Doch die Geschichte ist damit nicht vorbei. Awwal Khan terrorisiert ihn weiter: Er droht mit Gewalt, sogar mit Mord an Jamshids Familie. Die Drohungen werden so unerträglich, dass er beschließt, in die Hauptstadt Kabul zu ziehen. Er kündigt seinen Job beim deutschen Lager. In Kabul arbeitet er zuerst als Assistent in einer Zahnarztklinik, später macht er seinen Abschluss zum Stomatologen. Auch seine Frau arbeitet in der Medizin, sie ist Orthopädin. 2013 stellt er bei der deutschen Regierung einen Ausreiseantrag. Nach einem Jahr erhält er ein Interviewtermin an der deutschen Botschaft. Darauf folgt ein reger Mailverkehr, doch am Ende passiert: nichts.

Wir spulen die Zeit ein paar Jahre vor. Wir sitzen zusammen mit Dr. Jamshid und ein paar seiner Kollegen in einem kalten Vorzimmer in Masar-e Scharif. Auch sieben Jahre nach seinem ersten Versuch, in die Bundesrepublik zu gelangen, ist er immer noch hier. Und das, obwohl die Bundeswehr nach ihrem Abzug aus Afghanistan im vergangenen Sommer Tausende ehemalige Ortskräfte wie ihn mitgenommen hat. Der angebliche Grund: Alle, die vor 2013 für die Bundesregierung oder Militär gearbeitet haben, haben angeblich kein Recht auf Schutz. „Diese Regel ist bürokratischer Nonsens. Sie verdeutlicht, dass es er Bundesregierung nicht darum geht, Menschen zu helfen, sondern ihrer eigenen Pflicht, den ehemaligen Ortskräften zu helfen, durch irgendwelche Regeln versucht auszuweichen“, erklärt Dr. Jamshid, der so etwas wie der Wortführer der Gruppe ist.

Doch obwohl sie kaum das Haus verlassen und die Taliban bislang ein gemäßigtes Gesicht zeigt, werden sie regelmäßig an die Bedrohung erinnert, die vor ihrer Haustür herrscht. Azeez* (Name geändert) etwa war von 2006-10 Koch in der Bundeswehrkantine des Camp Marmol – so hieß das Lager der internationalen Streitkräfte. Danach war er kurz als Reinigungskraft direkt bei der Bundeswehr angestellt, dann kurz als Vorarbeiter und dann wieder in der Kantine. Insgesamt 14 Jahre hat für die Deutschen gearbeitet. So wie ihm gehe es mindestens 40 weiteren Kollegen, erzählt er. Ihr Problem ist nicht die 2013-Regel, sondern dass sie über die Jahre hinweg bei mehreren Subunternehmern angestellt waren. Die Bundesregierung gibt deshalb an, dass Menschen wie Azeez nicht für sie gearbeitet hätten. „Dabei haben die deutschen Soldaten mein Essen gegessen, und zwar jeden Tag, jahrelang“, sagt Azeez. Neben ihm sitzt sein Neffe. Sein Knöchel ist in einen selbst gemachten Gipsersatz eingewickelt. Die Taliban hab ihm den Knöchel gebrochen, weil er auf der Straße in kurzen Hosen Fußball gespielt hat.

Auch Dr. Jamshid hat körperliche Gewalt erfahren. Nach der Machtübernahme hat er seinen alten Peiniger Awwal Khan zufällig getroffen. Der arbeitet nun für die Taliban, dass er selbst einmal für die Deutschen gearbeitet hat, scheint seine Kameraden von der radikalislamischen Gruppe wenig zu stören. Auf offener Straße hat er Dr. Jamshid geschlagen, „vier fünf Mal ins Gesicht“, erinnert er sich. Der Dritte im Bunde, den wir an diesem Tag treffen, ist Naweed* (Name geändert). Von 2006 bis 2010 war er als Lehrer im deutschen Lager tätig. Dort hat er den einheimischen Arbeitern, die für die Bundeswehr etwa als Bauarbeiter, Putzer, Handwerker etc. angestellt waren, Lesen und Schreiben beigebracht. Zumindest denen, die es noch nicht konnten. In Afghanistan liegt die Analphabetenquote bei mindestens 50 Prozent. Eine Umfrage des afghanischen Statistikamtes aus dem Jahr 2017 gab sogar an, dass unter Frauen sogar 84 Prozent nicht Lesen und Schreiben können. Das hat mehrere Gründe, an erster Stelle steht jedoch die Armut. In vielen Gegenden gibt es kaum Schulen, dazu arbeiten viele Kinder, um ihre Familien zu unterstützen. Neue Gründe sind hinzugekommen. Seit über 120 Tagen etwa sind Schulen für Mädchen und Frauen ab der siebten Klasse geschlossen, Universitäten auch. Für den Lehrer Naweed und seine Frau eine Schande. „So ein Leben, ein Leben ohne Bildung, wollen wir für keines unserer Kinder, aber vor allem für unsere Töchter nicht“, sagt der sechsfache Familienvater. Er hat übrigens einen Drohbrief der Taliban kurz nach ihrer Machtübernahme erhalten. Er wurde ihm vom Dorfältesten überreicht. „Zum Glück ist unser Wakil ein guter Mann, er hat die Taliban für mich angelogen und behauptet, er wisse nicht, wo ich bin.“

Zusammen mit 10 weiteren Familien haben sich der Lehrer mit Dr. Jamshid und dem Koch zusammengeschlossen. Sie tauschen sich aus, wollen in den sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit für ihre missliche Lage generieren und unterstützen sich gegenseitig. Kaum eines der Familienmitglieder kann derzeit arbeiten, die wenigsten verfügen über ein eigenes Einkommen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Für die Bundesregierung ist es Politik. Denn auf den ersten Blick warten diese Menschen aus unterschiedlichen Gründen bislang vergeblich auf ihre Evakuierung. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit, die sie in ihrem Schicksal vereint. Alle leiden unter der einfachen Tatsache, dass es von der Bundesrepublik aus keinen politischen Willen gibt, ihnen zu helfen. Ob das Outsourcing-Problems von Azeez, die 2013-Regel oder die ewige Wartezeit des ehemaligen Lehrers Naweed, der trotz einer Tätigkeit vor 2013 auf einmal ein Aufenthaltsrecht telefonisch zugesagt bekam, all diese Problem sind absichtliche Hürden der deutschen Regierung, die dafür sorgen sollen, dass so wenig Menschen wie möglich zu uns kommen, und dafür, dass Deutschland so wenig Verantwortung für 20 Jahre Krieg am Hindukusch übernehmen muss.

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