Wir sind im Krieg! Und was kommt dann?

Wir sind im Krieg! Und was kommt dann?

10. Dezember 2020

Kolumne von Felix M. Steiner

Wir sind im Krieg. Überall. International. Alles ist Krieg und das schon seit mindestens einem halben Jahrzehnt. Haben Sie noch nicht mitbekommen? Angefangen hat natürlich alles mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen in Europa. Das waren nicht einfach Menschen auf der Flucht, das waren „Invasoren“, also Angreifer. „Die“ hatten alle ziemlich lange gewartet und wollten nun – quasi nach der ersten türkischen Belagerung Wiens 1529 und der zweiten 1683 – endlich Europa einnehmen. Richtig verstanden habe ich das auch nicht, aber die Message (Nachricht) war klar: „WIR WERDEN ANGEGRIFFEN!!!“! (Großschreibung im Original). Nun scheint dieser Krieg irgendwie vorbei zu sein oder zumindest kann man damit keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Gott oder Gates sei Dank, kam dann die Corona-Pandemie, damit es auch ja nicht am Krieg mangele. Ende Oktober sprach Alexander Gauland dann bezüglich der getroffenen Corona-Maßnahmen davon, dass das Krisenkabinett der Regierung eigentlich ein „Kriegskabinett“ sei und dass hier „Kriegspropaganda“ betrieben werde. Und der geistige AfD-Verbündete Trump erklärte dem Corona-Virus gleich den Krieg und machte sich zum „Kriegspräsidenten“ (https://www.tagesspiegel.de/wissen/kriegspraesident-gegen-coronavirus-trump-im-kampf-gegen-den-unsichtbaren-feind/25711810.html). Doch der Krieg war mit den Corona-Maßnahmen im Bundestag keineswegs neu. Schon im April 2019, als der Bundestag sich nicht dazu durchringen konnte, einen Vertreter der AfD in das Bundestagspräsidium zu wählen, sagte Gauland: „Den Krieg haben die anderen erklärt“. (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/alexander-gauland-im-gespraech-den-krieg-haben-die-anderen-erklaert-16136821.html) Wichtig dabei ist und zwar schon seit 1914 und dann auch 1939: Die Deutschen greifen niemals an, sie werden immer angegriffen. Opfer sein, fühlt sich eben besser an. Deswegen fühlen sich bei den Corona-Schwurblern heute alle als Anne Frank oder Sophie Scholl, niemand will (vorerst) Adolf Hitler sein. Oder wenigstens Goebbels. Naja, Attila Hildmann vielleicht, aber der ist auch Veganer. Und wie das dann auf der Straße aussieht, hat im September einer der Tingelredner der Schwurbelszene, Mario Buchner, auf den Punkt gebracht. Zur Bündnispolitik mit QAnon-Anhängern, Reichsbürgern und etwaigem Personal, sagte Buchner:

„Sondern nur wir, als das deutsche Volks selbst, sind in der Lage, uns aus diesem Schlamassel, in dem wir uns befinden, zu befreien. Und deswegen frage ich nicht danach, wer neben mir im Schützengraben liegt und schießt […]. Es ist relevant, dass wir gemeinsam im Schützengraben in die gleiche Richtung schießen […]“

Im besten Falle zockt Buchner zu Hause zu viele „Ballerspiele“ und hält sich selbst für einen deutschen Soldaten im Jahr 1943. Im besten Falle in Stalingrad.

Und all diese Kriege rahmt seit Jahren auch noch der „Infokrieg“. Heißt im Kern nichts Anderes, als das das Schlachtfeld für den „Kulturkampf“ der extremen Rechten in die digitale Welt verlegt wurde. Hier erhoffte man sich die größten Erfolgschancen. Quasi das Schlachtfeld für die mutigen „Tastaturkrieger“. Und die Strategien konnte man schon vor einigen Jahren in einem internen Handbuch nachlesen, welches wohl auch die AfD-Unterstützer von „Reconquista Germanica“ nutzten. Hier heißt es dann für den heldenhaften deutschen Internetrecken:

„Meistens handelt es sich bei den corporate Twitter- oder Facebookaccounts um junge Frauen, die direkt von der Uni kommen. Das sind klassische Opfer und nicht gewöhnt einzustecken. Die kann man eigentlich immer ziemlich einfach auseinandernehmen.“

Und wenn ich all diese Sachen lese, frage ich mich immer, wie nehmen das eigentlich Menschen wahr, die wirklich Krieg erlebt haben? Wie soll man reagieren, wenn friedensverwöhnte Rechtsextreme im Bundestag und pickelige Trollarmeen in ihren Kinderzimmern in Deutschland offensichtlich nichts Anderes zu tun haben, als sich den Krieg herbeizureden. Ist es schon wieder soweit? Und noch beunruhigender sind dann Recherchen wie die der Kollegen von Frontal 21 zu einem Waffenschmugglerring in Kroatien und Deutschland. Einer der Hauptbeschuldigten war sowohl NPD als auch AfD-Mitglied. Und in den Akten findet sich dann der Satz eines kroatischen Mittelsmannes: „Die Waffen, die er nach Deutschland fuhr, seien für die AfD, eine rechte Partei, vorgesehen gewesen“. Martin Sellner hatte schon vor Jahren beim Institut für Staatspolitik klargemacht, dass die „Identitäre Bewegung“ sich nicht aus ethisch-moralischen Gründen für den „gewaltlosen Widerstand“ entschieden habe, sondern weil diese Strategie erfolgsversprechender ist. Und wenn sie das dann nicht mehr ist? Oder in den Köpfen einzelner Rechtsextremer, die diese Kriegserklärungen ernst nehmen? Dann ist Christchurch, Halle und Hanau. (https://www.zdf.de/nachrichten/politik/balkan-waffen-afd-100.html)

Foto: Felix M. Steiner

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