Der Wendler war witzig, aber wir müssen über Leipzig reden

Der Wendler war witzig, aber wir müssen über Leipzig reden

10. November 2020

Kolumne von Felix M. Steiner

Für die letzten beiden Kolumnen habe ich mir mit Heiko Schrang (Nichts zu dumm, aber alles geheim) und Oliver Jahnich (Im Kaninchenbau mit Oliver Wahnich) gezielt zwei „Influencer“ der Schwurbelszene ausgesucht, um zu zeigen, wie absurd deren geistige Ergüsse eigentlich sind und wie deren Inszenierung funktioniert. Oliver Janich hat übrigens in der Zwischenzeit seinen Youtube-Kanal mit weit über 100.000 Followern verloren. Ich denke, es lag weniger an Gates und Merkel als vielmehr an meiner Kolumne. Beweist das Gegenteil! Beide Texte waren natürlich mit einem Augenzwinkern geschrieben. Und eigentlich hätte es auch diesen Monat wieder genug Stoff für eine eher witzig gehaltene Kolumne gegeben. Immerhin hatte sich der Wendler zwischenzeitlich ins Team Naidoo verabschiedet und einen eigenen Telegram-Kanal eröffnet. Anderseits: Der Wendler, kommt schon, das ist fast zu einfach. Aber er hat schon wieder aufgegeben, zumindest auf Telegram. Natürlich nicht, ohne die Schließung seines Kanals mit großspurigen Worten zu begründen. Nach zwei Wochen Telegram-Schlachtfeld hatte der Wendler, dieser edle Held des einfachen Volkes, alles getan, was in seiner Macht stand. Nun seien die anderen dran, ließ er verlauten. Als treuer Instagram- und Telegram-Fan war ich schon ein wenig enttäuscht.

Aber ernsthaft: Wir müssen über Leipzig reden

Doch neben all diesen absurden und sicher belustigenden Ereignissen des letzten Monats kommen wir heute nicht drum rum, mal über den 7. November und die Querdenken-Demonstration in Leipzig zu sprechen. Über 40.000 Menschen waren in der Messestadt auf der Straße. Für viele lag ein Hauch 1989 in der Luft. So ist das, wenn sich die Schwurbelkompanien für das eigene Wohlbefinden einreden, sie seien friedliche Revolutionäre gegen eine Diktatur. Aber gegen was haben die da eigentlich demonstriert? Gegen Gates, gegen die Regierung, gegen die Corona-Maßnahmen, gegen Flüchtlinge und gegen Masken sowieso. Doch nicht alle waren gegen etwas, einige waren auch für etwas: Manche für Trump und andere für ein kleines bisschen mehr Nationalsozialismus. Positiv denken. Was da in Leipzig zusammen kam war keineswegs eine Querfront. Ein Begriff, der dieser Tage etwas falsch verstanden wird. Es war das Zusammenfinden zahlreicher rechter Spektren von der AfD über Esoteriker zu Reichsbürgern bis zu Neonazis und Hooligans. Die Corona-Krise vereint auf der Straße eine diffuse Mischung von rechten Gruppen, wie wir es in dieser Dimension in den letzten Jahren nicht gesehen haben. Die Demonstration führte eine Radikalisierung fort, die in den vergangenen Monaten bereits im digitalen Raum weit vorangetrieben wurde. In der Studie „Digitaler Faschismus“ sprechen die Autoren von einem Phänomen, „in dem sich die Massen zunehmend selbst manipulieren“. Ein wirkliches, steuerndes Zentrum der Propaganda ist nicht erkennbar. Man verteilt fleißig zwielichtige Informationen, die man irgendwo im Messenger oder auf Facebook gefunden hat und nun an andere verteilt und so weiter und so weiter. „Die digitale Volksgemeinschaft erfährt sich nunmehr über eine technologische Verknüpfung von Affekten und Emotionen, die in den virtuellen Hasstiraden, Shitstorms und Litanein des Bullshits eine identitätsstiftende Praxis finden“, heißt es weiter in der Studie. Auf der Straße kommen sie dann alle zusammen. Geeint im Ziel dieses „System“ zu stürzen. Da ist es dann auch egal, wer rechts oder ganz rechts neben einem marschiert, immerhin ist man gemeinsam für ein Ziel auf der Straße. Die letzten Wochen war auch in der Schwurbel-Szene eine weitere rhetorische Radikalisierung zu beobachten. Beispielsweise veröffentlichte Verschwörungs-Buddha Heiko Schrang Videos mit Titeln wie „ES REICHT: KAMPFANSAGE AN DAS SYSTEM!!“ oder „Politik und Polizei: Kriegserklärung an das Volk“. Wir sind also wieder im Krieg. Und da ist alles erlaubt! Schrang konstatiert dann auch in einem seiner Videos, man sei nun „im tiefsten Faschismus“ angekommen. Gewiss, bei Verschwörungsideologen ist es immer kurz vor zwölf, aber aktuell scheint die Szene zu versuchen, den Zeiger auf die volle Stunde vorzustellen. Wenn nur die Hälfte der Demonstranten in Leipzig mit diesem Weltbild in die Messestadt gekommen sind, fühlen sie sich jetzt wahrscheinlich bestätigt. Nicht nur, dass der „faschistische Staat“ ihnen Auflagen für die Versammlung erteilte, nein, als diese nicht eingehalten wurden, wurde die Versammlung auch noch aufgelöst. Es stinkt nach Diktatur! Als dann tausende „Querdenker“ ihrer Speerspitze aus militanten Neonazis und Hooligans nach Angriffen und Böllerwürfen durch die Polizeikette folgten, erlebten wir die zweite Ebene der Radikalisierung von Leipzig. Damit meine ich nicht nur die Angriffe auf die Polizei selbst, sondern die Selbstwirksamkeitserfahrung, welche damit für die Demonstranten einherging. Stolz präsentierte man im Nachgang in den Telegram-Gruppen und anderen sozialen Netzwerken die Schlagzeilen von der überrumpelten Polizei. Die Message: Wir haben gewonnen, wir haben die Systemknechte der Polizei zurückgedrängt. Es geht hier viel um Symbole und Emotionen, wie beim Stürmchen auf die Reichstagstreppen. Und all dies gerade erst zu Beginn der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Da sei nur am Rande der Brandanschlag auf das Robert-Koch-Institut Ende Oktober erwähnt oder die zahlreichen Angriffe auf meine Journalisten-Kolleginnen und Kollegen, die in Leipzig das Recht auf Pressefreiheit umsetzen wollten. To be continued…

Foto: Felix M. Steiner

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