Schweinemast auf dem Gelände eines Roma-KZ

Schweinemast auf dem Gelände eines Roma-KZ

13. Mai 2023

Von Matthias Meisner

Es war ein langer Weg zur Anerkennung, ein sehr langer Weg. An diesem Sonntag wird der im März neu gewählte tschechische Staatspräsident Petr Pavel an der Gedenkfeier für die Opfer des Holocaust an den Sinti und Roma auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers im südböhmischen Lety bei Písek teilnehmen.

Es ist ein Ort knapp 80 Kilometer von Prag entfernt, an dem im von den Nazis zum „Zigeunerlager“ erklärten KZ nicht nur Häftlingsbaracken standen, in denen zwischen 1940 und 1943 mehr als 1300 tschechische Roma inhaftiert waren, 327 starben und mehr als 500 weitere nach Auschwitz deportiert und größtenteils dort oder in anderen KZs ermordet wurden. Vierzig Jahre lang stand auf dem ehemaligen Lagergelände in Lety auch eine Schweinemastanlage für bis zu 13.000 Tiere: Sie war 1973 auf dem Grundstück errichtet worden, als ein industrieller Betrieb mit mehr als einem Dutzend riesiger Ställe.

„Besonders perfide“ sei eben dies, hieß es 2014 in einem Feature des Deutschlandfunks – zu einem Zeitpunkt, als die Schweinemast noch immer im Betrieb war, inzwischen sogar subventioniert von der EU. Der Sender zitierte damals den Historiker und damaligen Direktor der Gedenkstätte Lidice Milouš Červencl: „Die ganzen 30, 40 Jahre lang wusste keiner etwas von der Vergangenheit des Ortes. Das kommunistische Regime hat nie etwas darüber verlauten lassen, vielleicht auch alle Nachrichten gewaltsam unterdrückt. Ich kann mir vorstellen, dass sie den Schweinestall absichtlich ausgerechnet hierhin gebaut haben – das war sicher auch ein Politikum.“

Erst 2017 einigte sich die tschechische Regierung mit dem Betreiber über den Kauf der Schweinemast, das Gelände wurde 2018 dem Staat übergeben, die Gebäude wurden 2022 endlich abgerissen. Irrsinnig lange hatte sich das hingezogen, bis es soweit war. Zuletzt hatte Corona die Abrissarbeiten noch einmal verzögert.

Heute offizieller Startschuss zum Abriss der Schweinemastfarm auf dem Gelände des früheren Roma-Konzentrationslagers im tschechischen Lety pic.twitter.com/27GSS1dpS1

— kapturak (@kapturak) July 22, 2022

Der damalige Präsident Václav Havel hatte „schon“ im Mai 1995 in Lety gesprochen und das „kommunistische totalitäre Regime“ dafür kritisiert, dass die Roma als Opfer des Genozids vergessen wurden. Er fragte: „Kennen wir diese Geschichte? Müssen wir sie kennen? Wollen wir das überhaupt?“ Und gab selbst zur Antwort: „Das Wissen um die eigene Geschichte ist Bestandteil der Identität jeder Gesellschaft.“ Und dabei gehe es nicht nur um die Geschichte der Roma. „Es ist die Geschichte aller Bewohner dieses Territoriums, unsere gemeinsame Geschichte. Sie muss erforscht werden, verstanden werden. Und darf dann nie vergessen werden.“ Immerhin hatte Havel durchgesetzt, dass als Keimzelle einer Gedenkstätte ein Gedenkstein neben der Schweinemast errichtet wurde.

Doch mit einem würdigen Erinnern ließen sich auch die meisten verantwortlichen Politiker:innen Zeit – zu viele wollten, anders als Havel es gefordert hatte, nichts wissen von der düsteren Vergangenheit in Lety. Pavels Vorgänger Václav Klaus und Miloš Zeman nahmen nie persönlich am Gedenken teil.

Erschreckend sind die Argumente derer, die sich dem Abriss der Schweinemast am Ort der Nazi-Gräuel über Jahrzehnte widersetzten. Im Parlament argumentierten Abgeordnete, die Menschen bräuchten doch schließlich Arbeitsplätze. Eine Parlamentarierin verlangte sogar, die Roma sollten für den Aufkauf der Schweineställe doch selbst das Geld auftreiben. 2016 bezweifelte der spätere erst rechts- dann linkspopulistische Ministerpräsident Andrej Babiš die Existenz eines Konzentrationslagers: Lety sei kein Konzentrationslager gewesen, sondern ein Arbeitslager für Arbeitsscheue.

2006 demonstrierte die ultrarechte Národní strana (Nationalpartei) in Lety. Ihre Anführerin sagte, wie Radio Prag berichtete, es gäbe in Tschechien tausend wichtigere Dinge als den Abriss einer Schweinefarm. Zumal es in Lety keinen Genozid gegeben habe und die mindestens 326 Opfer, überwiegend Kinder, ihren Tod durch mangelnde Hygiene selbst verschuldet hätten. Eine weitere Verdrehung der Tatsachen und Diffamierung der Opfer.

Zum Glück fanden die Roma-Verbände mit ihrem jahrzehntelangen Hauptakteur Čeněk Růžička bei ihrem Kampf um ein pietätvolles Gedenken aber auch wichtige Mitstreiter:innen. Zum Beispiel den Berliner Regisseur Hamze Bytyçi, der 2017 in dem Dokumentarfilm „Jožka“ Jozef Miker porträtiert, dessen Frau viele Angehörige in Lety verloren hatte. Auch Miker setzte sich jahrelang – nun an der Seite von Bytyçi – für den Abriss der Schweinemast ein. Seine zunehmende Ungeduld dabei ist ihm im Film deutlich anzumerken. In der Szene, als er zum Grundstück geht, auf dem die Lagerbaracken standen, sagt er, nicht frei von Zynismus: „Hier haben wir ein schönes Denkmal. Da sieht man, wie gern uns die Tschechen haben – zum Andenken, dass sie uns damals umbrachten, haben sie uns Schweine dagelassen.“

Ähnlich wichtig: 2014 startete die Dresdner Gruppe „Gegen Antiromaismus“ die Kampagne „Free Lety“, organisierte in Zusammenarbeit mit der tschechischen Nichtregierungsorganisation Konexe Bildungsfahrten und Veranstaltungen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Nachdem der tschechische Staat 2017 den Vertrag mit den Betreibern der Schweinemast geschlossen hatte, schrieb die Gruppe auf ihrer Homepage: „Ein erfolgreicher Abschluss könnte also unmittelbar bevorstehen. Doch bis auf dem Gelände tatsächlich eine Gedenkstätte errichtet ist, gilt es wachsam zu bleiben.“

Zu erwähnen ist schließlich der deutsche Publizist und Aktivist Markus Pape, der seit Anfang der 1990er Jahre in Prag lebt. Er war einer der ersten, die die Diskussion um das Roma-KZ und die notwendige Erinnerungskultur forcierten. 1997 beschrieb er die Geschichte von Lety in dem Buch „A nikdo vám nebude věřit“ („Und niemand wird euch glauben“).

Pape ist skeptisch, ob die notwendige Aufarbeitung schon abgeschlossen ist. „Die Diskussion geht weiter, die Aufarbeitung beginnt erst“, sagt er. Und: „Die Opfer des Roma-Holocaust sind zwischen die Fronten der deutsch-tschechischen Versöhnungsbemühungen geraten. Die deutsche Seite hat zugunsten der tschechischen Seite die Roma außen vorgelassen. Die tschechische Seite wiederum hat die Leiden der Roma verschwiegen, um nicht als Mittäter dazustehen.“ Das Personal des Lagers Lety war tschechisch gewesen – komplett.

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