Nolte

Nolte

30. November 2022

Mein Name ist Nolte, ich bin 24 Jahre alt, gelernter Notfallsanitäter und aktuell Student. Im Sommer dieses Jahres war ich Teil der Crew unseres Rettungsschiffs RISE ABOVE.

Schon seitdem wir unser erstes Schiff die LIFELINE hatten, bin ich an verschiedenen Stellen für Mission Lifeline aktiv. Dieses Jahr konnte ich endlich selbst Teil einer Mission sein. Aus einigen persönlichen Erinnerungen und Eindrücken dieser Zeit ist dieser Text entstanden. Ich bin auch heute noch immer sehr froh, dabei gewesen zu sein. Auch wenn wir Herausforderungen begegnet sind, mit denen ich vorher nicht gerechnet hatte.
Meine Position war die des RHIB-Fahrers. Ein RHIB (Rigid-Hulled-Inflatable-Boat) ist ein sehr stabiles und wendiges hochseetaugliches Schlauchboot, das bei Rettungsoperationen das Bindeglied zwischen dem Schiff und dem Boot in Seenot darstellt. Auf unserem RHIB – der LIFELINE 3 – waren wir ein Dreierteam aus der Einsatzleiterin, der Ärztin und mir als Fahrer. Unsere Aufgabe war es, den ersten Kontakt zu den Menschen in Seenot herzustellen, die Situation zu stabilisieren, Rettungswesten zu verteilen und schlussendlich alle Menschen sicher an Bord der RISE ABOVE zu bringen. Meine Hauptverantwortung dabei war, bei allen Manövern zu jeder Zeit für die Sicherheit der Crew und der Gäste an Bord zu sorgen. Zusätzlich unterstützte ich unsere beiden Schiffsärztinnen im medizinischen Team.
Vom ersten Tag der Vorbereitung an war es eine intensive Zeit. Zu Beginn in Onlinemeetings aufgrund notwendiger Quarantäne und später „in echt“ an Bord der RISE ABOVE lernten wir uns als Crew kennen und bereiteten uns von früh bis spät auf seefahrerische Grundmanöver, aber auch mögliche Extremsituationen draußen auf dem Meer vor, von denen alle hofften, dass sie niemals Realität werden würden.

Ab dem Moment des Ablegens bestimmte der Wachdienstplan den Bordalltag. Meine Wache ging nachts wie tags jeweils von zwei bis sechs Uhr. Ich musste schnell feststellen, dass ich deutlich unterschätzt habe, was das Mittelmeer mit einem kleinen Schiff wie der RISE ABOVE macht. Gerade in den Nachtstunden, wenn der Horizont verloren ging und alles um mich herum nur noch schwarz war, wurde mir doch deutlich anders. Zum Glück war unsere Bordapotheke gut vorbereitet und ich konnte so meine Aufgaben weiter erfüllen und sogar das Abendessen wieder genießen.

Nolte auf dem RHIB

Nach einem Tag Überfahrt erreichten wir die Such-und-Rettungszone. Vor Ort begannen wir, unsere Suchmuster zu fahren und jeder, der gerade keine anderen Aufgaben hatte, suchte mit dem Fernglas Stunde um Stunde den Horizont ab. Als die Sonne schon wieder unterzugehen begann, erreichte uns ein Notruf: 50 Meilen von unserer Position sollte sich ein kleines Holzboot mit ungefähr 40 Personen an Bord befinden. Sie seien mit diesem Boot bereits drei Tage auf See und ihr Zustand sei dementsprechend schlecht. Unser Kapitän setzte daraufhin den neuen Kurs und wir fuhren mit voller Kraft in Richtung der angegebenen Position. Obwohl die Anspannung stieg, versuchte ich noch einmal etwas Schlaf zu finden. Denn es würde eine lange Nacht werden und mehrere Stunden dauern die Position des Bootes in Seenot überhaupt zu erreichen. Ganz anders als in Deutschland, wo ich es gewohnt bin, spätestens nach zehn Minuten mit dem Rettungswagen an jedem Notfallort zu sein.
Als wir den angegebenen Ort erreichten, war es bereits stockdunkel. Nur der Vollmond sorgte für eine spärliche Beleuchtung. Finden konnten wir jedoch trotz aller Anstrengungen niemanden. Zum Glück meldete sich das Boot erneut und sendete eine aktualisierte Position. Wieder eine Stunde Fahrt und Warten. An Schlaf war jedoch nicht mehr zu denken. Alle hielten Ausschau und versuchten, durch die Dunkelheit in der rauer werdenden See etwas zu erkennen. Und dann sah plötzlich jemand ein kleines Objekt, das aus dem Wasser auftauchte. Nur, um direkt wieder hinter den Wellen zu verschwinden. Nach und nach wurde es größer und wir hatten das gesuchte Boot vor uns.

Mit dem RHIB näherten wir uns vorsichtig dem Holzboot, das mit 54 Menschen völlig überfüllt, mit deutlicher Schlagseite antriebslos von den Wellen hin und her geschaukelt wurde. Die RISE ABOVE wies uns mit ihrem Suchscheinwerfer den Weg. Wir konnten die Menschen beruhigen und begannen, wie vorher trainiert, mit der Verteilung der Rettungswesten. Es war für mich sehr anstrengend, das RHIB in diesen Wellen so nah an dem Holzboot zu halten, damit unsere Ärztin die Rettungswesten übergeben konnten, es dabei aber auf keinen Fall anzustoßen, um die Stabilität nicht noch weiter zu verschlechtern.

Bei Tag und bei Nacht wird trainiert

Als endlich jeder eine Rettungsweste hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Jetzt würden zumindest alle an der Wasseroberfläche bleiben, egal was noch passieren würde. Der schwierigste Teil stand aber noch bevor. Denn jetzt mussten wir die Menschen in kleinen Gruppen vom Holzboot auf die RISE ABOVE bringen. Die dafür notwendigen Übertritte zwischen den Booten gehören zu den riskantesten Momenten einer Rettung. Fällt dabei jemand zwischen die beiden sich in den Wellen bewegenden Boote, sind schwere Verletzungen fast vorprogrammiert. Das Herstellen einer möglichst stabilen Verbindung während der Fahrt durch die Wellen, ist also essenziell, aber unter den Bedingungen in dieser Nacht leichter gesagt als getan. Nach der ersten Runde mussten wir daher die Rettung unterbrechen.

Die Wellen waren zu groß und die Geretteten so entkräftet, dass ein sicheres Übersteigen nicht mehr möglich war. Zum Glück war uns das Wetter später gewogen und die Wellen wurden in der nächsten Stunde wieder kleiner, sodass wir die Rettung fortsetzen konnten.

Gruppe für Gruppe konnten wir die Menschen nun an Bord bringen und irgendwann war es geschafft. Wie viele Stunden es insgesamt waren, kann ich immer noch nicht genau sagen. Aber als das RHIB nach Abschluss der Rettung endlich wieder an Bord der RISE ABOVE vertäut war und alle unsere Gäste etwas zu trinken und eine Decke hatten, konnte ich nur noch ins Bett fallen.
Als ich ein paar Stunden später wieder aufwachte, hätte alles auch nur ein Traum gewesen sein können. Doch als ich zum Achterdeck ging, waren da tatsächlich 54 Menschen, die sich so gut es ging, dort eingerichtet hatten. Ich hatte die ängstlichen und sorgenvollen Gesichter der Nacht noch im Kopf und war dementsprechend froh zu sehen, dass überall zumindest etwas Entspannung Einzug erhalten hatte. Drei unserer Gäste hatten noch in der Nacht notfallmedizinische Versorgung benötigt und ich war erleichtert, dass es ihnen nun wieder deutlich besser ging. Wir kümmerten uns in den folgenden Stunden, um alle möglichen Belange unserer Gäste. Es gab Essen, Wasser und wir hatten eine Sprechstunde im Krankenhaus eingerichtet, sodass nun jeder unserer Gäste Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung hatte. Unterdessen wurde der Plan gefasst, dass wir unsere Gäste an die deutlich größere Sea-Eye 4 übergeben. Sie würden dort wesentlich mehr Platz haben würden und das Schiff war sowieso bereits auf dem Weg in Richtung Norden. In den Abendstunden trafen sich dann unsere beiden Schiffe und nach einem herzlichen Abschied war es auf einmal wieder leer auf unserem Schiff.

Das RHIB im nächtlichen Einsatz

Leider war damit auch unsere Mission vorzeitig beendet. Technische Schwierigkeiten, die auf einem so alten Schiff leider nie ganz auszuschließen sind, zwangen uns, zunächst wieder einen Hafen anzulaufen. Was als technischer Zwischenstopp geplant war, erwuchs durch die allgegenwärtigen Lieferschwierigkeiten, zu einem längeren Hafenaufenthalt, den wir nutzten, um alles für die nächste Crew vorzubereiten.

Dabei schlich sich bei mir trotz allem das Gefühl ein, dass wir mehr hätten tun können. Eine komplette Crew, die gerade bewiesen hatte, dass sie auch unter widrigsten Umständen Großartiges leisten konnte, war vor Ort auf einem Schiff und konnte doch nichts tun. Mir war klar, dass das nicht unsere Schuld war. Und auch das modernere und damit weniger fehleranfällige Schiffe schlicht und einfach unsere finanziellen Mittel weit übersteigen würden.

Alle Gäste sind sicher an Bord der RISE ABOVE

Es war trotzdem schwer für mich, Nachrichten von Booten mit Leichen an Bord, die vor der italienischen Küste angetrieben wurden, unter diesen Umständen zu ertragen. Wir hätten für sie da sein können, nein wir hätten da sein müssen, so spukte es durch meinen Kopf.
Unsere erste Offizierin schenkte jedem von uns am letzten Abend ein kleines Kärtchen. Darauf hatte sie ein kleines Zitat geschrieben, dass so oder so ähnlich in mehreren weltbekannten Schriften zu finden ist. Da stand „Whoever saves a life, has saved the world.” Mir half das, die Dinge zu verarbeiten. Denn wir hatten Leben gerettet. Glücklicherweise waren wir zu einer Zeit an einem Ort, wo alle anderen nur wegschauen und konnten für 54 junge Menschen einen entscheidenden Unterschied machen. Ich bin dankbar dafür, dass ich gemeinsam mit vielen anderen großartigen Menschen Teil dieser Mission sein konnte.

All die Eindrücke dieser Zeit, egal wie schwierig sie in den einzelnen Momenten waren, sind das, was mich motiviert weiterzumachen. Denn untätig könnte ich die Ungerechtigkeiten, die dort auf dem Meer direkt vor Europa tagtäglich passieren, nicht ertragen.

Ich möchte dir an dieser Stelle von Herzen für deine Unterstützung danken.
Ohne dich gäbe es kein Schiff, keine Crew, keine Rettung.
Danke!

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