Leinen los

05. September 2021

Nachdem der Wetterbericht am gestrigen Tag für die geplante Strecke positiv gestimmt war, ging es heute Morgen um 08:00 von Wilhelmshaven mit Kurs Mittelmeer los.
Das hieß für Jim, unseren schottischen Chefingenieur und Wahl-Hunsrücker, ganz früh aufstehen zu müssen, nochmal alles zu überprüfen, um dann den großen Dieselmotor mit 12 Zylindern anzuwerfen und warmlaufen zu lassen.
Nochmal eine Überprüfung des Wetters und der Route durch den Kapitän, ein kurzes Briefing zum Ablegen und schon wurden die Leinen losgemacht.
Nachdem wir Wilhelmshaven über die Schleuse verlassen hatten, nahmen wir mit perfekt laufender Maschine, bestem Wetter und Seegang Kurs auf die Deutsche Bucht, bogen nach den Ostfriesischen Inseln links ab und fahren nun mit Ziel Englischer Kanal auf Westkurs.
Zeit, sich vor meiner Wache ein wenig mit Jim zu unterhalten, der zwar ab und an noch Kleinigkeiten an der Maschine zu justieren, aber auch ein wenig Zeit zum Unterhalten hat.
Die Maschine hat er komplett überholt, es ist dabei bis auf den Motorblock von der alten fast nichts mehr geblieben.
Um Ersatzteile zu bekommen ist er die letzten Monate sogar bis nach Südbayern gefahren.
Wahrscheinlich war es für ihn gar kein großes Problem – mobil ist er sowieso immer gewesen.
Nachdem er in seiner Heimat Ingenieur geworden war, hat er vom Landmaschinenbau bis zu Schiffsmotoren in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet, bevor er in Frankfurt seiner zukünftigen Frau über den Weg lief, mit ihr eine Firma gründete und diese dann verkaufte, um einen angenehmen Lebensabend zwischen Rhein und Mosel zu verbringen.
Offensichtlich hat das aber noch Zeit, jetzt ist er erstmal hier und leistet seinen Beitrag, das Sterben im Mittelmeer zumindest ein wenig zu reduzieren.
Dies tut er mit einem sehr angenehmen schottischen Understatement, das sich jedes Problem fast schon bei der Meldung in Luft auflösen und mich schon auf meinen nächsten Hilfeschrei von der Brücke freuen lässt, wenn irgendwelche Zeiger der Maschinenüberwachung nicht dorthin weisen, wohin sie es sollten.
Gerade ist die Sonne hinter dem Horizont in einem unverschämt kitschigen Sonnenuntergang verschwunden und ich verabschiede mich in die Koje, um mich von der Maschine in den Schlaf vibrieren zu lassen, da für mich der neue Tag um 03:30 losgehen wird.

Fotos: Leon Salner

Menschen auf der Flucht brauchen Solidarität.
Als Fördermitglied könnt Ihr uns dauerhaft unterstützen.

Jetzt Fördermitglied werden!