Laschet, ein Busfahrer und Bill Murray

Laschet, ein Busfahrer und Bill Murray

09. September 2021

Kolumne von Felix M. Steiner

Ich bin gerade nicht sonderlich gut gelaunt. Erst vor wenigen Tagen konnte ich aus der Quarantäne wieder in das normale Leben zurückkehren. Natürlich hat so eine Quarantäne auch seine guten Seiten: Man sieht keine Menschen. Aber wenn man diese dann an einem Ort ohne Internet verbringt, können diese knapp zwei Wochen schon ganz schön lang sein. Kaum ist man wieder zurück, bricht die ganze Stumpfheit der aktuellen Situation wieder voll auf einen ein. Die Inzidenz in Deutschland erreicht bald wieder die 100 und wie es viele vermutet haben, wurde beispielsweise in den Schulen kaum etwas getan, um die Schüler:innen zu schützen. In manchen Regionen liegt die Inzidenz bei Jugendlichen bei 500 oder mehr. Konnte man aber natürlich nicht vorher wissen. Stattdessen lässt sich Laschet lieber in 20 cm Abstand von einem Querdenker anschreien und deutschlandweit berichten die Medien darüber. Naja, hätte auch sein „Schäuble-Moment“ werden können, wenn es dumm gelaufen wäre. Und nein, natürlich muss Laschet nicht jeden Depp aus dieser Szene kennen. Es war nicht sein Fehler, vielmehr haben die anwesenden Sicherheitskräfte völlig versagt. Und die Folge? Der inhaltlich eher als Leerdenker auftretende Busfahrer mit seiner lächerlichen Provokationsaktion, die selbst für Kreise der „Identitären Bewegung“ (Gibt’s die noch?) peinlich gewesen wäre, erhält wieder die große Bühne. Man muss also heute nicht viel machen, um wahrgenommen zu werden, es reicht aufgeregt wie ein 14-Jähriger kurz vor der Dankesrede auf seiner Konfirmation dem aktuellen Kanzlerkandidaten der CDU in der ostdeutschen Provinz aufdringlich eine Suggestivfrage zu stellen. Besser kann man doch politische Relevanz nicht simulieren. Ist das eigentlich berichtenswert? Ich denke eher nicht. Die Querdenker-Szene schleppt ihre letzten Einheiten gerade mühselig nach Berlin wie den Volkssturm 45. Politische Relevanz kann aktuell von diesen Kreisen nur noch durch solche Provokationen und Tabubrüche simuliert werden. Nach so vielen Jahren mit der AfD, der „Neuen Rechten“ und der „Identitären Bewegung“ würde ich mir doch langsam etwas mehr Reflektion einiger Berichterstatter:innen über solche Vorfälle wünschen.

Ach ja, und Nena hat wieder zu irgendwas Gruseligem rund um Corona aufgerufen und macht vielleicht bald eine Platte mit Naidoo oder der hat eine mit irgendwelchen Nazi-Musikern gemacht oder in einer Pizzeria irgendwen befreit oder irgend sowas ist passiert. Und dann hat auch endlich Till Schweiger irgendwas gesagt. Aber ich habe die Artikel nicht gelesen, denn ich hatte schlechte Laune und war in Quarantäne. Meine Energie reicht nur noch für den socialmedia-gerechten Konsum von Überschriften. Da kann man schon mal durcheinander kommen. Und das wird alles langsam so dumm, dass es nicht mal mehr zur Belustigung taugt. Da wollen wir heute mal noch gar nicht über die Bundestagswahl bzw. den Wahlkampf reden. Nein, ich will wirklich nicht darüber reden. So langsam kommt man sich vor wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray. Die vierte Welle der Pandemie steht in den Startlöchern und es hat sich nichts geändert: Die Politik versäumt wichtige Maßnahmen, die Spinner sind immer noch da und die Impfquote stagniert auf einem recht niedrigen Niveau. Also alles wieder von vorn im Herbst. So langsam zehrt es am Gemüt. Aber ich will nicht so negativ enden, es gibt auch gute Nachrichten: Wie ich bei Michael Wendler auf Telegram gelesen habe, ist endlich die „Freeplay Indigo Plus Kurbel-Laterne“ beim Kopp-Verlag wieder verfügbar. Sie war wohl länger ausverkauft. Puh, wenigstens was.

Nächsten Monat reden wir über was anderes.

Foto: Felix M. Steiner

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