Ich habe keine Ahnung

Ich habe keine Ahnung

18. November 2020

Kolumne von Jan „Monchi“ Gorkow

Ich hab seit Wochen nicht einmal mehr an Lesbos gedacht. Ich hab mich für einen Freund gefreut, weil er grad Papa wurde. Ich war traurig, dass sich Freunde trennen, von denen ich es nicht gedacht habe. Corona zollt überall seinen Scheiß Tribut. Ich hab mir einen Arsch abgefreut, dass Hansa es geschafft hat, eine Mannschaft mit 5-1 abzuziehen, war traurig darüber, dass zum nächsten Spiel ein paar Spieler aus der Mannschaft Corona-positiv waren und ich deswegen als Alternative Magdeburg gegen Bayerns Zweite gucken musste.

Es wird eine Menge Leute geben, die die AHA-Regeln in den letzten Wochen besser und strikter befolgt haben als ich: Ich hoffe trotzdem, dass ich die Seuche nicht bekomme. Manchmal denke ich jetzt sogar schon ans Hände desinfizieren. Ich habe keine Ahnung, wie lange einige Freunde noch durchhalten. Wie ist das mit unserer Crew? Melden wir uns oft genug, kam das an, dass sie sich immer bei uns melden können?

Bei manchen Freunden hört es sich einfach nur noch beschissen an. Ich kaufe mir schon Gutscheine von Restaurants, in denen ich zuvor noch nie gegessen und von Läden, in denen ich zuvor noch nie etwas gekauft habe. Ich denke in Mecklenburg-Vorpommern gab es in den letzten 3 Jahrzehnten einfach schon genug Schließungen, jedweder Art. Dieser Kelch darf an unserem Bundesland gerne mal vorbeigehen. Wenn man aufs Handy schaut, geht es andauernd nur noch um Corona. Immer weniger um Menschen. Natürlich ist es richtig, dass über diese Pandemie berichtet wird, aber es geht mir manchmal einfach nur noch auf den Sack. Die Tagesschau ertrag ich oftmals einfach nicht mehr.

Und während ich über alles, außer über irgendwelche Seenotrettungs-Initiativen nachdenke, bekomme ich eine Mail von Mission Lifeline. Sie fragen mich, ob ich eine Kolumne vorlesen könnte. Das hätten sie auch schon mit Bela B. und anderen gemacht. Einfach ein bisschen Aufmerksamkeit generieren, in Zeiten, in denen es mit der Aufmerksamkeitsspanne bei uns allen wohl eher schwierig ist. Vielleicht sind diese Zeilen ja auch schon zuviel.

Eigentlich machen wir ja Pause und ich antworte so gut wie niemanden, wenn wieder irgendwas vermeintlich Wichtiges ansteht, bei dem ich meine Fresse hinhalten soll. Aber einer Seenotrettungs-Initiative schreiben, dass wir grad Pause machen, weil die letzten Jahre einfach so doll waren…? Ich krieg´s nicht hin. Wann haben die das letzte Mal Pause gemacht?

Die Kolumnen, die sie mir schicken, passen irgendwie nicht so zu mir. Ich hab keine Ahnung von Sahra Wagenknecht, von der Werte-Union oder irgendwelchen ausdifferenzierten Debattenbeiträgen. Ich komm mir etwas dumm vor, aber wenn ich was vorlese, muss ich´s auch fühlen. Das Gedicht „Nein, länger.“ von Thomas Gsella, welches ich vorschlage und mich berührt, ist leider an irgendeinen Schauspieler vergeben. Also schreibe ich das erste Mal in meinen Leben sowas wie eine Kolumne. Vielleicht ist es auch eher ein Tagebucheintrag. Ich hab keine Ahnung.

Nachdem sie mir geschrieben haben, habe ich erst gecheckt, wie wenig die Themen „Lesbos, Moria oder auch Seenotrettung“ bei mir präsent sind. Und ich merke, dass ich keine Ahnung habe. Man hat vor der eigenen Tür grad einfach genug Scheiße zu liegen, rede ich mir ein.

Ich werde nicht googeln, Ich werde keinen Artikel lesen, Ich werde keinen Freund fragen, wie gerade der Stand ist. Ich werde nicht so tun, als ob ich auch nur ansatzweise gerade Bescheid weiß. Ich weiss, dass Moria gebrannt hat. Die Bilder fand ich schlimm. Wer fand sie nicht schlimm, außer er ist ein Hund.

Ich wäre am liebsten hingeflogen und hätte gerne irgendwie geholfen. Vielleicht hätte ich das ohne den ganzen Corona-Scheiß getan, vielleicht auch nicht. Keine Ahnung. Auf dem Mittelmeer irren immer noch Flüchtlingsboote umher, oder? Keine Ahnung. Sind überhaupt noch irgendwelche Seenotrettungs-Initiativen draußen, oder wurden deren Boote nicht schon alle beschlagnahmt? Ich hab keine Ahnung. Die Flüchtlinge und die Menschen, die dort schon immer gelebt haben, werden von der europäischen Politik immer noch mit Phrasen zugeballert, obwohl jeder weiß, dass sie diese Insel einfach aufgegeben haben. Moria gibt es gar nicht mehr, oder? Es wird sicherlich irgendein anderes räudiges Loch geben, in das sie die Menschen gepfercht haben. Aber ich weiß es nicht, vielleicht leben sie auch alle auf der Straße. Ich hab keine Ahnung.

Das, was ich weiß, ist das, was ich gesehen habe.

2018 war ich einmal dort. Auf Lesbos, in Mytilini. Am Rande der kleinen Stadt wurde Moria zu Moria. Ein Freund war auf der Mare Liberum unterwegs. Das ist ein Boot, welches Menschenrechtsverletzungen auf der Ägäis dokumentierte. Er lud mich ein, da für 4 Tage noch Platz auf dem Kahn war und er mir die Zustände zeigen wollte. Und sicherlich erhoffte er sich auch etwas mediale Aufmerksamkeit. Die Tage spielten sich zwischen Boot und Moria ab.

Am Tag, bevor ich auf der Insel ankam, spielten wir als Support vor den Toten Hosen. Irgendwo im Saarland. Vor 15.000 Leuten riss ich 1-2 Bengalos an, schüttete sicherlich irgendwem wieder Pfeffi ins Gesicht und mallte ab. Keine 24 Stunden später stand ich nun vor diesem erbärmlichen Haufen Scheiße, namens Flüchtlingslager Moria. Ich war wie gelähmt. Wenn du diese Bilder immer wieder im Fernsehen siehst, stumpfst du irgendwann ab. Irgendwann schaltet man auf Love Island. Aber plötzlich stand ich da. So stellt man sich die verfickte Hölle vor. Die Bilder werdet ihr kennen oder ihr könnt sie googeln. In Worte kriege ich es nicht gefasst. Erbärmlicher ging es einfach nicht…das dachte ich zumindest. Im April dieses Jahres schrieb der Freund, der schon wieder unten war, dass es jetzt noch deutlich beschissener als vor 2 Jahren war. Es geht immer erbärmlicher. Und mit der Verdrängung klappt es ja auch bei mir offensichtlich ganz gut. Ansonsten hätte ich wohl mehr Ahnung über das jetzt.

Das einzige was mir bleibt, ist, dass ich den Menschen, die ich in den letzten Jahren, ob auf Lesbos oder in den verschiedensten Seenotrettungs-Initiativen kennenlernen durfte, nach diesem Video eine Nachricht schreibe und sie an die Ostsee einlade. Natürlich nach dem ganzen Corona-Bums. Hier ist es schön und vielleicht können sie ein bisschen Kraft tanken, vielleicht ein bisschen Ruhe finden.

Ob das nun eine nette Mail ist, ob das die eigene Reichweite in Social-Media ausnutzen ist, eine Spende – ob nun nen Hunni oder nen 5er, oder ob es eine Einladung an die Ostsee ist… Ich denke, oftmals geht es da mehr um die Symbolik.

Ich hab in vielen Sachen keine Ahnung und weiß oftmals auch nicht was richtig ist in diesen verrückten Zeit, aber eins weiß ich:

Es wäre schön, wenn diese tollen Menschen, merken, dass da noch Leute sind, die an ihrer Seite sind, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlen mag.

Es wäre schön, wenn die Menschen, die in diesen elenden Lagern in Griechenland sein müssen, merken, dass sie uns nicht egal sind.


Hilf uns, dem Sterben auf dem Mittelmeer etwas entgegenzusetzen.
Für ein neues Schiff, um Leben zu retten!

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