Gegen die Dystopie 

Gegen die Dystopie 

08. November 2020

Kolumne von Robert Fietzke

Eine weitere Woche, die es politisch mehr als in sich hatte, neigt sich ihrem Ende zu, und ich frage mich einmal mehr: Wie sollen ein denkendes Hirn und ein fühlendes Herz da noch hinterherkommen, all das, was sich ereignet hat, einzuordnen, zu prozessieren, zu verstehen und vor allem zu begreifen, was es bedeutet? 

Was bedeutet die dschihadistische Terrorserie der letzten Wochen? Wie lässt sich dieser verdammte Terror verhindern? Welche Maßnahmen müssen dafür ergriffen werden? Wie kommen die Menschen in Wien, Nizza und Kabul damit klar? Werden sie zusammenhalten? Warum zum Teufel interessiert sich kaum jemand für die verheerenden Anschläge außerhalb von Europa? Sind die 35 Student*innen der Universität in Kabul, die allermeisten von ihnen Muslime, weniger wert, weniger interessant, ist deren Tod weniger schlimm? Wie lässt sich verhindern, dass der gesellschaftliche Diskurs darüber wie so oft abgleitet und von der extremen Rechten erobert wird? Was ist das eigentlich für eine Heuchelei, einerseits immer wieder den „Kampf gegen den Islamismus“ zu beschwören, andererseits aber ausgerechnet die Kurdinnen und Kurden in Nord-Syrien, die der entscheidende Faktor bei der Zurückdrängung des IS waren, dem türkischen Diktator und seinen dschihadistischen Milizen zum Fraß vorzuwerfen? Und wann werden…

US-Elections! Ist das spannend! Wird es ein weiteres böses Erwachen geben wie schon 2016? Oder werden die Umfrageinstitute diesmal Recht behalten, die einen Sieg Bidens vorausgesagt haben? Was hätte es zu bedeuten, wenn Trump, der wie niemand vor ihm die Axt an die Demokratie gelegt hat und allein wegen seines Krisen-Nicht-Managements in der Corona-Pandemie Zehntausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, tatsächlich weitermachen darf? Wie wird er sich verhalten, wenn es doch nicht reicht? Wird er seine Delegitimierungsstrategie, die sich vorher schon deutlich angekündigt hat, durchziehen? Was passiert eigentlich, wenn er das Wahlergebnis tatsächlich nicht anerkennen sollte? Wer kann ihn dann stoppen? Wie wird sich der Supreme Court verhalten, der inzwischen eine deutliche republikanische Mehrheit hat? Was ist dran an den Befürchtungen, es könnte bürgerkriegsähnliche Zustände geben? Hat Donald Trump Jr. ernsthaft gesagt, er ziehe jetzt in den „Totalen Krieg“ gegen die Wahlen? Was bitte, Trumps Ex-Berater Steve Bannon will Dr. Fauci und den FBI-Chef Wray geköpft und auf Pfählen rund um das Weiße Haus sehen, als Warnung für „Verräter“ bei den Bundesbehörden? Gibt es ausreichend demokratische Resilienz in der Gesellschaft und den Behörden, diesen offensichtlichen faschistischen Putsch zurückzuschlagen? Wird Joe Biden, sollte er jetzt tatsächlich gewonnen haben, wie es CNN bereits meldet, überhaupt noch durchhalten bis zur Inauguration im Januar oder kippt er vorher wegen Altersschwäche um? Und welche Folgen zeichnen sich ab, wenn…

Diese verdammten Coronazis! Die Pandemie eskaliert, die Neuinfektionen haben die 20.000 gesprengt, täglich sterben mehr als 150 Menschen, ganze Branchen gehen krachen und diese Arschlöcher treffen sich zu einem wahren Superspreader-Event in Leipzig! Was passiert hier eigentlich gerade? Wie lässt sich diese Bewegung aufhalten? Was ist das eigentlich für ein Staat, der diesem braunen Treiben immer wieder Narrenfreiheit gewährt? Wann kommt es zu einem Punkt, an dem die herrschende Politik aufgrund dieses Drucks auf dem Kessel tatsächlich Maßnahmen einspart, die aber wichtig wären, um wieder die Kontrolle über das Virus zurückzuerlangen? Warum sind die Maßnahmen zum Teil so unlogisch und widersprüchlich? Warum sind die drei Bier trinkenden Jugendlichen im Park illegal, aber dreißig im Klassenraum ohne Luftfilteranlage okay? Warum zum Teufel wird für alles Mögliche Geld in die Hand genommen, aber eine Milliarde für diese Luftfilteranlagen sind nicht drin? Wie bekommt die politische Linke es hin, eine gute, linke Kritik an den Maßnahmen, die ja vor allem darauf ausgelegt sind, den Kapitalismus zu retten, zu formulieren? Und wie hart werden die Verteilungskämpfe im nächsten Jahr zuschlagen, wenn…

Und dann das Klima! Wo soll man hier anfangen? Wo aufhören? Wie viel Zeit bleibt uns noch? Das Klima…

Dieses dumpf dröhnende Rauschen aus schlechten Nachrichten, pessimistischen Gegenwartsbeschreibungen und dystopischen Zukunftserzählungen. Diese Müdigkeit. Diese Erschöpfung. 

Es ist ja nicht so, dass an alledem nichts dran wäre. die politischen Entwicklungen auf der Welt geben tatsächlich wenig Anlass zur Hoffnung. Aber viel wichtiger ist die Frage, ob die permanente Beschwörung der Dystopie Menschen derartig begeistern und motivieren kann, sich zu engagieren, um letztlich alle „Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Marx)? Nein. Die permanente Dystopie führt zur Erschöpfung. Sie führt letztlich dazu, dass sich auch die motiviertesten und engagiertesten Zukunftskämpfer*innen zurückziehen, ins Private, in Schutzräume, auf Inseln der Geborgenheit, denn für jeden Weltschmerz gibt es eine Grenze des Ertragbaren. 

Auch auf die Gefahr hin, dass das ganz schön platt klingt: Wir müssen uns viel mehr gute Nachrichten erzählen, müssen viel häufiger danach suchen, denn es gibt ja diese guten Nachrichten und Entwicklungen, auch wenn sie in der Aufmerksamkeitsökonomie nicht gerade bevorteilt werden. Das können kleine Fortschritte in der Kommune sein, die Menschen erkämpft haben. Kleine gewonnene Kämpfe, die in Wirklichkeit sehr groß sind. 

Die kostenlose Beförderung von Schüler*innen im öffentlichen Nahverkehr, das verhinderte Luxusbauprojekt, das die Gentrifizierung des Kiezes noch weiter forciert hätte, die autofreie Innenstadt, die Erklärung einer Stadt zum „Sicheren Hafen“, eine verhinderte Abschiebung durch den selbstlosen Einsatz engagierter Menschen – Und so vieles mehr. 

Das können aber auch größere Entwicklungen sein. Wie beeindruckend ist der Mut der vielen Menschen in Belarus, die trotz schlimmster Repressionen weiter auf die Straße gehen, um Demokratie einzufordern und den Diktator Lukashenka endgültig in die Wüste zu schicken? Wie viel Kraft gibt es den Menschen in Polen, sich mit Hunderttausenden auf den Straßen gegen das ultra-reaktionäre Abtreibungsverbot zu wehren? Wie unschätzbar groß ist die Rolle der linken Graswurzelbewegungen in US-Städten wie Atlanta oder Philadelphia, die es mit ihrer Basisarbeit offenbar geschafft haben, Trump, einen der gefährlichsten Menschen des Planeten, aus dem Amt zu jagen? 

Überall gibt es gute Nachrichten und ja, das Problem ist, dass sie weniger erzählt werden, weil sie für weniger erzählenswert gehalten werden. Der permanente Fortschritt gilt Vielen als Naturgesetz. Aber das war er noch nie und das ist er auch jetzt nicht. Die Decke der Zivilisation bleibt ausgesprochen dünn. Hinzu kommt die Eigenschaft von humanistisch gesinnten Menschen, zwar Gutes zu tun, aber wenig darüber zu reden. Bescheidenheit ist schließlich eine Tugend und das ist ja auch gut so. Diese guten Geschichten und Beispiele des Gelingens, des Zusammenwachsens und der Solidarität im Kleinen wie im Großen sind aber unbedingt erzählenswert. Nicht zum Selbstzweck, sondern weil sie anderen Menschen Mut machen, Hoffnung stiften und letztlich auch Inspiration schaffen. Sie sind das beste Mittel gegen die Ohnmacht. Denn eines ist gewiss: Jeder Mensch, der auf seine Weise Gutes tut und an einer besseren Welt arbeitet, wird gebraucht. Dringend.

Foto: Robert Fietzke

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