Mitarbeiterin Anja von Mission Lifeline

„Für mich ist das einfach eine Selbstverständlichkeit.“

„Für mich ist das einfach eine Selbstverständlichkeit“

10. November 2022

Im Gespräch mit Anja Barthel über ihre Motivation und Arbeit als Fundraiserin

Audio zum Interview

Seit vier Jahren arbeitet Anja Barthel als Fundraiserin bei Mission Lifeline. Damals ist sie ins kalte Wasser gesprungen, gemeinsam mit ihrem Team an den Aufgaben gewachsen − und noch immer sieht sie ihre Tätigkeit als stetigen Lernprozess. Im Gespräch erzählt sie, was in ihren Augen eine gute Fundraiserin ausmacht, wie wichtig Vertrauen ist und warum ihr Engagement für sie eher etwas mit ihrer Grundeinstellung, als mit Motivation zu tun hat.

Anja, kannst du kurz erzählen, wie du zu Mission Lifeline gekommen bist?

Zu der Zeit des Dresden-Balkan Konvois – damals waren die Fluchtrouten zu Land über den Balkan noch offen – habe ich bereits hin und wieder ehrenamtlich gemeinsam mit Axel gearbeitet. Von Dresden aus half ich mit, Hilfsgüter in die Camps zu liefern und versuchte, mich so viel wie möglich einzubringen. Damals hatte ich noch eine andere Arbeitsstelle, mit der ich allerdings sehr unzufrieden war. Irgendwann erwähnte ich vor Axel, dass ich gerne für ihn arbeiten würde. Zu dem Zeitpunkt gab es bereits den Verein Mission Lifeline und es wurde jemand für das Fundraising gesucht. Ich überlegte nur zwei Tage und sagte anschließend direkt zu. Und dann bin ich quasi ins kalte Wasser gesprungen. Ich habe mir Stück für Stück das nötige Wissen beigebracht, aber auch viel von meiner Kollegin und dem Verein gelernt. Es steckte zu dieser Zeit ja noch alles in den Kinderschuhen und wir haben sozusagen gemeinsam laufen gelernt. Und ich lerne immer noch. Ich bin noch immer in dem Entwicklungsprozess, irgendwann mal eine wirklich gute Fundraiserin zu werden.

Fundraising ist ein wesentlicher Bestandteil für eine Non-Government-Organisation (NGO). Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich und deine Kollegin aus?

Wenn ich morgens zur Arbeit komme, klappe ich als erstes meinen Rechner auf und checke die eingegangenen Mails, sortiere aus, welche mich betreffen und fange an diese zu beantworten. Dabei geht es oft um Anliegen von Spender:innen, die zum Beispiel nicht mehr oder einen anderen Betrag spenden wollen. Oder sie benötigen eine Spendenbescheinigung oder möchten ihre Adresse ändern. Dann schaue ich nach den Spendeneingängen. Anschliessend bearbeite ich, was auf unserer Agenda steht – und da bin ich im Austausch mit meiner Kollegin. Wir haben immer laufende Projekte. Zurzeit bekommen wir zum Beispiel viele Anfragen von Zeitungen oder Magazinen, die Beileger von uns mit in ihr Medium legen wollen. In einem solchen Fall müssen wir planen, was diese Beileger beinhalten könnten. Dann gibt es Veranstaltungen, auf denen wir präsent sind und für die wir etwas vorbereiten müssen. Wir arbeiten zudem viel an unseren Newslettern und Mailings und überlegen, was in den nächsten stehen soll. Unsere Hauptaufgabe ist es, irgendwie an Geld zu kommen. Wir leben nahezu ausschließlich von Spenden und die Schwierigkeit besteht darin, uns immer wieder neu zu erfinden. Damit wir den Menschen das Gefühl geben können: „Die machen so eine gute und wichtige Arbeit, denen gebe ich ein bisschen Geld.“

Zum Fundraising gehört also mehr dazu, als einfach nur nach Geld zu fragen. Ihr müsst das Vertrauen der Spender:innen gewinnen…

Vertrauen ist das Allerwichtigste. Es soll eine Beziehung aufgebaut werden und die basiert auf Vertrauen. Die Menschen, die für uns spenden, sollen sich darauf verlassen können, dass wir ihr Geld sinnvoll einsetzen. Deshalb berichten wir sehr viel über unsere Arbeit und zeigen genau, wofür wir die Spendengelder verwenden. Wir sind unseren Spender:innen gegenüber verpflichtet, transparent zu sein. Das muss sich einfach von selbst verstehen.

Du hattest am Anfang bereits ein bisschen davon erzählt, wie du zu Mission Lifeline gekommen bist. Was ist deine Hauptmotivation, für diese Organisation zu arbeiten?

Ich weiß gar nicht, ob das eine richtige Motivation ist. Im Prinzip ist es eine innere Grundeinstellung und hat etwas mit meinen Werten und meiner Weltanschauung zu tun. Ich möchte, dass es gerecht auf der Welt zugeht und ich finde, dass benachteiligte Menschen Unterstützung brauchen. Es ist schrecklich, dass Menschen auf der Flucht so sehr im Stich gelassen werden und unser reiches Europa sich so gar nicht von einer solidarischen und humanen Seite zeigt. Sondern, im Gegenteil, alles dafür getan wird, dass diese Menschen nicht zu uns kommen. Wenn NGOs wie die unsere nicht wären, dann würden noch viel mehr Menschen ertrinken.
„Das Sterben auf dem Mittelmeer ist ungebrochen, es wird nur nicht mehr davon berichtet.“
Auf der anderen Seite finde ich es extrem wichtig − und das machen wir ja auch − auf politischer Ebene zu kämpfen. Immer wieder auf Missstände hinweisen. Der Bevölkerung zu zeigen: die Umstände haben sich für die Menschen auf der Flucht nicht gebessert, in keiner Weise. Auch wenn das oft erzählt wird. Aber dem ist nicht so. Das Sterben auf dem Mittelmeer ist ungebrochen, es wird nur nicht mehr davon berichtet. Und wir haben ja auch noch weitere Projekte. Wir versuchen nach wie vor, Ortskräfte aus Afghanistan rauszuholen und leisten ganz viel Hilfe in der Ukraine. Flüchtende Menschen sind oft in einer hilflosen Lage. Wenn sie keine Unterstützung bekommen, dann verringert sich ihre Chance auf ein sicheres Leben ganz drastisch. Wenn du nun nach Motivation fragst, dann finde ich das schwer in Worte zu fassen, weil das für mich einfach eine Selbstverständlichkeit ist. Für mich ist es selbstverständlich, dass dort, wo Hilfe nötig ist, Hilfe geleistet wird. Für mich gehört auch der Kampf hier in Dresden gegen rechte Strukturen dazu. Das kann man gar nicht richtig voneinander trennen. Und irgendwann denkt man vielleicht auch gar nicht mehr darüber nach, warum man das macht, sondern es ist eben auch meine tägliche Arbeit. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen es mir nochmal deutlich bewusst wird. Zum Beispiel nach einer Rettung mit unserem Schiff.

Sind das dann schöne beziehungsweise bestätigende Momente?

Ja, auf jeden Fall. Gutes tun macht glücklich. Davon zehrt man und dann weint man auch mal und man freut sich. Das trägt mich dann auch durch die schweren Zeiten, denn die gibt es ja auch. Zeiten, wo man gegen Mauern rennt und scheitert oder Dinge nicht umsetzen kann. Aber wir bleiben einfach immer dran. Wir verfolgen unser Ziel kontinuierlich. Wir geben nicht auf. Und deshalb werden wir auch immer wieder solche schönen Momente haben.

Du hattest ganz am Anfang erwähnt, du seist auf dem Weg eine gute Fundraiserin zu werden. Was möchtest du für dich persönlich noch erreichen?

Natürlich möchte ich gerne, dass wir mehr Dauerspender:innen gewinnen. Das hat wieder viel mit Vertrauen zu tun. Dieses Vertrauen zu stärken und weiter auszubauen, ist für mich ganz wichtig. Ich selbst möchte mich zudem souveräner in sozialen Netzwerken bewegen können − und ach, es gibt 1000 Dinge, die ich noch besser machen will. Beispielsweise auf die Schnelle einen guten Text schreiben. Aber das sehe ich gar nicht als Manko, sondern als Herausforderung für die Zukunft. Für mich ist es ein Geschenk, in diesem Bereich arbeiten zu dürfen. Ich habe so viele Entwicklungsmöglichkeiten und bin nie damit zu Ende, etwas Neues zu lernen. Und Lernen ist für mich eine wunderbare Sache.

Das Gespräch führte Kathi Happel

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