Die verlorenen Dörfer?

Die verlorenen Dörfer?

11. November 2021

Kolumne von Felix M. Steiner

In den letzten Wochen war ich viel in ländlichen Regionen unterwegs. Mal für Vorträge, mal mit dem Fahrrad. Noch unter dem Eindruck der Ergebnisse der Bundestagswahl und hier insbesondere des Abschneidens der AfD in ländlichen Räumen quasi eine gute Gelegenheit über die Ursachen nachzudenken, warum wir – vor allem in Ostdeutschland – einige Dörfer vorfinden, in denen teils 50% der abgegebenen Stimmen an die AfD geflossen sind. Schnell nach der Wahl waren zahlreiche Journalisten in den Hochburgen auf Recherchetour: Interview auf dem Wochenmarkt, Interview mit dem lokalen Bürgermeister und noch ein oder zwei anderen Einwohnern. Als dominierende Erklärung dann meist: Die Leute sind hier nicht rechts, die wollen den anderen nur ihren Protest zeigen. Protest gegen das Abgehangensein, Protest gegen die Corona-Maßnahmnen, Protest gegen was auch immer. Auffällig ist: Nie wird irgendwo rechts aus Überzeugung gewählt, dass Stigma des Nazi-Dorfes will dann doch niemand haben. Einige der Erklärungen mögen vielleicht sogar stimmen: Viele ländliche Regionen sind abgehangen, aber das meint nicht nur den ÖPNV, das Internet oder Supermärkte und Ärzte, sondern auch kulturelle Entwicklungen. Eines der Bilder, die ich aus den Reisen der letzten Monate im Kopf behalten habe, war an einer kleinen Kreuzung im gottverlassenen Niemandsland auf dem Weg zu einem Vortrag. Ich musste kurz warten, weil zwei der fünf Autos, die an diesem Tag die Hauptstraße entlangfahren, genau dann kommen mussten, als ich dort auch lang wollte. Vorweg ein riesiger LKW mit der Aufschrift „Naturdärme“ und dahinter die Polizei. Wurst und Ordnung, wenn man so will. Das erinnerte mich unweigerlich an eine Erzählung eines Kollegen, der irgendwann 2015 oder 2016 in einem der Dörfer als Fotograf unterwegs war, in denen Menschen eine geplante Asylunterkunft angezündet hatten. Er meinte damals, was ihm am meisten aufgefallen wäre: Zäune, überall Zäune. Vom Jägerzaun bis zur ganz großen Grenzbefestigung. Man kennt sich auf dem Dorf. Man kann auch anders deutliche Nachrichten setzen. Vielleicht kennen das einige Leser:innen ja auch: Man fährt durch ein Dorf oder kleine Stadt und gefühlt prangen an jedem zweiten Haus die Auszeichnungen der lokalen Schützenkönige der letzten 100 Jahre. Neben meinem herzlichen Glückwunsch zur sportlichen Leistung habe ich immer das Gefühl, hier handelt es sich im Kern um die radikalisierte Warnung des „bissigen Hundes“, quasi die Amerikanisierung des Abschreckungsverhaltens. Das soll keineswegs eine Verteufelung ländlicher Regionen sein, ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens dort verbracht und bin gern dort. Ich glaube aber, dass wir es mit einer „besonderen“ politischen Kultur zu tun haben, die an die Debatten auf Twitter und den studentisch geprägten Städten den Anschluss verloren hat. Oder wir haben ihn verloren. Wir sind da ja fast alle weggezogen. In dem Dorf, aus dem ich komme stehen immer noch die gleichen Leute wie früher an der Tankstelle. Vielleicht durchgängig. Manchmal sehe ich noch den Typen, der mich immer verhauen wollte und irgendwann mal seinen Roller angezündet hat, als er mit dem Feuerzeug den Füllstand des Tanks überprüfen wollte. Ich verstehe, warum Menschen aus diesen Orten wegziehen: Viele sind einfach auch nicht bereit, sich ständig sexistischen, rassistischen oder antisemitischen Anfeindungen auszusetzen. Vor allem nicht, wenn dir keiner beiseite steht und alle immer nur stumm zu Boden schauen, wenn in großer Runde mal wieder jemand „lustige“ Rassistenwitze oder frauenverachtende Scheiße erzählt. Es gibt auch in den Dörfern tolle und engagierte Menschen, aber in der Stadt ist es nun mal eher möglich, sich in der größeren Diversität und Anonymität freier zu bewegen, besonders, wenn du nicht ins Bild der vorherrschenden Weltsicht passt. Also quasi „normal“ bist. Was uns wieder zurückführt zu den Ergebnissen der AfD bei der Bundestagswahl. Der Slogan der Partei war ja „Deutschland. Aber normal.“ Dieser erinnerte mich an ein sehr dünnes Büchlein von M. Rainer Lespius aus dem Jahr 1966. Lepsius analysierte darin die Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Lepsius konstatierte hier: „Der Mittelstand beansprucht solchermaßen die Verwirklichung der Normalmoral der Gesellschaft: Ehrlichkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Sparsamkeit usw.,..Der Nationalismus des Mittelstandes … ist unmittelbar mit dem Selbstbild des Mittelstandes als eines eigenen sozialen Ordnungsgebildes verbunden.“ Da sind dann die Zäune, die Schützenvereins-Plaketten und die Frage nach der Zugehörigkeit zu diesem Ordnungsgebilde wieder: Wer kann Teil dieser Gemeinschaft sein? Debatten um gendergerechte Sprache, Rassismus, Antisemitismus, Gleichberechtigung ect. sind hier schlicht nicht Teil des Lebensalltags und sollen es für viele auch nicht sein. Und der Nazi ist oft nur dann ein Problem, wenn er zugezogen ist oder die dörfliche Ordnung stört. Der ruhige, gutintegrierte Nazi, der seinen RechtsRock angemessen laut hört, stört selten. Ich empfinde das oft als frustrierend, wenn ich mit engagierten Menschen aus dörflichen Regionen im Gespräch bin, vor allem wenn diese allein dastehen. Deutschland, ganz normal.

Und die Lösung des Problems: Nun, ich habe ja in meiner letzten Kolumne über Nazis geschrieben (), die genau deswegen wieder auf die Dörfer ziehen wollen. Vor allem im Osten. Wir müssen also mal über eigene Siedlungsprojekte reden…

Foto: Felix M. Steiner

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