Jörg Bernig und der Leidneid

Jörg Bernig und der Leidneid

02.Juni 2020

Kolumne von Michael Bittner

Viele Menschen klagten in den vergangenen Monaten, der Freistaat Sachsen lasse in der Corona-Krise die Künstler und Künstlerinnen im Stich. Nun wurden die Rufe endlich erhört: Ein Förderprogramm für Schriftsteller in Geldnot wurde aufgelegt – vorerst allerdings nur für einen Mann. Der Dichter Jörg Bernig wurde in seinem Heimatort Radebeul vom Stadtrat, offenbar vor allem mit Stimmen von CDU und AfD, zum neuen Leiter des Kulturamtes gewählt.
Doch die Rechtsfront hatte bei ihrem Manöver nicht mit den Menschen gerechnet, die in Radebeul die Kultur auch wirklich machen. Sie protestierten gegen einen Mann, der sich in den vergangenen Jahren der Verschwörungsspinnerei ergeben hat, der in rechtsradikalen Postillen und anderswo fantasiert, ein „politisch-medialer Komplex“ plane einen „Gesellschaftsumbau“ durch „illegale Masseneinwanderung“, eine „ethnische Modifizierung“ mit dem Ziel, das deutsche Volk zu zersetzen. Selbst bei einer Rede in Kamenz, der Stadt Gotthold Ephraim Lessings, entblödete Bernig sich nicht, gegen die Vermischung von Völkern und Religionen zu agitieren, ganz so, wie es Rassisten seit zweihundert Jahren tun.
In seinem jüngsten Buch „An der Allerweltsecke“, erschienen in der „edition buchhaus loschwitz“, erzählt Bernig von Reisen durch Mittel- und Osteuropa. Nirgends begegnet er dabei Individuen, überall entdeckt sein beschränkter Blick nur Vertreter von „Identitäten“. Eine „Vietnamesin“, die einen Laden in Tschechien leitet, bringt ihn halb um den Verstand. Was hat sie nur dort zu suchen? Warum bleibt nicht einfach jeder da, wo er hingehört? All diese fürchterliche Verwirrung, dieser unablässige Wandel in der Welt! Der privilegierte EU-Bürger Bernig überschreitet derweil mühelos alle Grenzen, während er gleichzeitig fordert, die Grenzen für arme Schlucker aus dem Süden zu schließen.
Unterwegs besucht Bernig das Dorf in Böhmen, aus dem seine eigene Familie nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen musste. Weckt solche Erinnerung nicht vielleicht Sympathie mit den Flüchtenden unserer Zeit? Nein, eher ruft sie ein Gefühl wach, das viele Deutsche umzutreiben scheint. Ich taufe es hiermit auf den Namen: Leidneid. Von den Leidneidern kann man hören: Ja, wir flüchteten auch vor dem Krieg, über die Mauer oder nach Teneriffa, aber wir waren Deutsche! Unser Leid hatte eine andere Qualität, es war volkstümlich! Und man hat uns oft nicht mit offenen Armen empfangen, sondern ziemlich mies behandelt! Wir verlangen, dass es den Arabern und Afrikanern nicht besser ergeht als uns, sondern noch schlechter! Das ist eine Frage der Gerechtigkeit!
Mit dem neuen Posten wird es für Jörg Bernig nun wahrscheinlich doch nichts. Zeigen die Kulturmacher in Radebeul ihre Intoleranz, weil sie nicht von einem Mann geführt werden wollen, der sich für einen Streiter im „Krieg der Kulturen“ hält? Man muss einräumen, dass Bernig selbst überaus tolerant ist. Er stört sich nicht daran, als Lehrer Flüchtlingskinder zu unterrichten, die seiner Meinung nach gar nicht hier sein dürften. Und als Chef des Kulturamtes würde er es tolerieren, von eben jenem Merkel-Regime Geld zu kassieren, dem er „totalitäre“ Methoden vorwirft. Kann diesem geschundenen Mann, der ständig zur Selbstverleugnung gezwungen wird, nicht vielleicht die AfD finanzielles Asyl gewähren?

Foto: Amac Garbe

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