Wer sind wir? Und wenn ja, wieviele?

Wer sind wir? Und wenn ja, wieviele?

03. Dezember 2022

Kolumne von Ruprecht Polenz

„Bevölkerung wächst, Zahl der Deutschen schrumpft – Deutschland, wie krass hast Du Dich verändert“, so lautet eine fette Schlagzeile der Bildzeitung. Die Botschaft ist klar: Vorsicht, Überfremdung droht. Die AfD nennt das „Umvolkung“ und macht damit Stimmung gegen alle, die etwas anders heißen oder aussehen, als man sich Einheimische so vorstellt. Völlig unabhängig davon, ob sie einen deutschen Pass haben, oder nicht: Bild und AfD kommt es aufs „Bio-Deutsche“ an. Sie sind damit leider nicht allein.

Aber wie hätte sich Deutschland verändert ohne Einwanderung? Dann würden wir unser Land in der Tat nicht wieder erkennen. Es wäre kleiner, älter und ärmer.

Statt 83 würden nur noch 62 Millionen Menschen in Deutschland leben, denn 21 Millionen stammen von Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte ab oder sind selbst eingewandert.

Dieses Deutschland wäre deutlich älter – mit entsprechenden Problemen für Rente und Gesundheitswesen. Denn die Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte sind im Schnitt elf Jahre jünger: Altersdurchschnitt 36 Jahre im Vergleich zu 47 Jahren bei den Einheimischen.

Selbst mit der bisherigen Einwanderung leidet die deutsche Wirtschaft unter Fachkräftemangel. Ohne die Eingewanderten bräche die Pflege vollends zusammen, der Wirtschaft würden wichtige Arbeitskräfte fehlen. Es gäbe die 1,3 Millionen Arbeitsplätze nicht, die von Einwanderern in Deutschland geschaffen wurden.

Ugur Sahin und Özlem Türeci haben nicht nur den Impfstoff gegen Corona in Deutschland entwickelt. Allein die Gewerbesteuern ihres Unternehmens Biontec haben die Stadt Mainz schuldenfrei gemacht. Und ohne Spieler wie Jamal Musiala würden wir noch weniger Hoffnung haben, dass in zwei Jahren die Fußball-Europameisterschaft für Deutschland besser ausgeht, als die WM.

Wer sind wir? Und wenn ja, wieviele? Deutsche oder Deutscher ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt (Art. 116 Abs 1 Grundgesetz). Der Pass ist das Entscheidende, nicht die Herkunft.

Wenn Deutschland seine Demografie-Probleme lösen will, brauchen wir mehr und nicht weniger Einwanderung. Dabei steht Deutschland im Wettbewerb mit vielen anderen Ländern, die ebenfalls um Fachkräfte werben. Der Arbeitsmarktforscher Simon Jäger weist in der FAZ darauf hin, dass „gesellschaftliche Teilhabe die entscheidende Voraussetzung für erfolgreiche Zuwanderung ist und auch bei der
Zuwanderungs-Entscheidung eine wichtige Rolle spielt.“

Seine Warnung: „Hier läßt sich durch negative Signale viel Potential verspielen.“ Internationale Fachkräfte seien sehr stark sensibilisiert für gesellschaftliche Debatten, die in möglichen Zielländern stattfinden. Sie seien international vernetzt und nähmen Diskriminierungserfahrungen von Kolleginnen und Kollegen – im Alltag, im Beruf oder mit Behörden – stark wahr. „Das sollte man in Debatten wie der aktuellen um ein „Verramschen“ der Staatsbürgerschaft bedenken.“

Die CDU, die sich für eine Einwanderung von Fachkräften ausspricht, sollte sich diese Mahnung zu Herzen nehmen.

„Die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber Einwanderern, die wir ja brauchen, wird nur zu erhalten sein, wenn beides getan wird: gezielte Einwanderung in den Arbeitsmarkt und Rückführung derer, die in Deutschland als ausreisepflichtige Asylbewerber keine Perspektive haben“, hat der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz gesagt.

Das heißt mit anderen Worten: Wir brauchen zwar Einwanderung. Aber ehe neue Ausländer:innen ins Land kommen dürfen, müssen andere erst raus. Während die CDU sonst großen Wert darauf legt, das Thema Asyl vom Thema Arbeitsmarkt und Einwanderung strikt zu trennen, wird jetzt eine Verknüpfung vorgenommen. Aber wenn wir Einwanderung brauchen, dann brauchen wir sie, unabhängig davon, ob wir alle offenen Asylfragen gelöst haben oder nicht.

Es ist ja nicht so, als stünden Fachkräfte Schlange, um nach Deutschland zu kommen. Der Expad Insider hat die Attraktivität von Ländern verglichen, die sich um die Einwanderung von Fachkräften bemühen.

Deutschland kommt hier nur auf Platz 42 von 52 untersuchten Ländern. Für das Ranking wurden im Ausland lebende Fachkräfte sehr detailliert zu ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen in den jeweiligen Aufenthaltsländern befragt.

Dabei ist für erfolgreiche Einwanderung die Aussicht auf Einbürgerung von entscheidender Bedeutung. Besonders für Personen, die nicht aus der EU kommen, sei es ein wichtiger Faktor, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen können, sagt Simon Jäger. „Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir: Die Einbürgerung hat große Effekte auf die soziale und politische Integration, auf die Partizipation. Da ist die Faktenlage sehr klar.“

Wer fünf Jahre in Deutschland lebt, Deutsch kann, einen Arbeitsplatz hat und für seinen Lebensunterhalt sorgt – so die von der Regierung vorgeschlagenen Voraussetzungen für eine Einbürgerung – trägt zur Sicherung unserer Sozialsysteme bei. Und dazu, dass wir nicht kleiner, älter und ärmer werden.

Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

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