Wagenknecht hat verloren

Wagenknecht hat verloren

05. Oktober 2021

Kolumne von Michael Bittner

Die Bundestagswahl ist vorüber. Und die einzige kleine Überraschung des Abends bestand darin, dass die Linkspartei noch ein bisschen schlechter abschnitt, als alle es schon erwartet hatten. Bloß weil die direkt gewählten Abgeordneten Gregor Gysi, Gesine Lötzsch und Sören Pellmann eine Räuberleiter machten, konnten auch die restlichen Linken über die eigentlich zu hohe Hürde von fünf Prozent wieder in den Bundestag klettern. Mit Schuldzuweisungen hielten sich die meisten der enttäuschten Genossinnen und Genossen zunächst zurück. Eine selbstverständlich nicht: Sahra Wagenknecht, die Ich-AG unter den Mitgliedern der Linkspartei, wusste wieder einmal Bescheid. Das schlechte Abschneiden der Linkspartei sei Strafe dafür, dass die Partei nicht ihrem Kurs gefolgt sei, verkündete sie in eiligen Interviews.

Doch merkwürdig: Die Linkspartei hatte im Wahlkampf fast ausschließlich auf das Thema soziale Gerechtigkeit gesetzt, ganz wie Wagenknecht es verlangt. Sogar Wagenknecht selbst war für den Wahlkampf aus der Schmollecke geholt worden, obwohl sie in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ gerade erst ihre eigene Partei angegriffen und deren ehemalige Chefs ziemlich gehässig herabgesetzt hatte. Die Linkspartei ist bei der Bundestagswahl vor allem mit ihrer Strategie gescheitert, sich heuchlerisch mit Wagenknecht zu arrangieren. Gerade noch vor dem Tod gerettet wurde die Partei von eben den Menschen in Berlin und Leipzig, die Wagenknecht gerne als „Lifestyle-Linke“ denunziert. Wagenknecht selbst fuhr unterdessen als Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, wo viele Arme sich doch eigentlich nach einer linken Alternative sehnen müssten, ein hundsmiserables Ergebnis ein. Das ist kaum überraschend: Die Frau, die immer recht hat, hat seltsamerweise nie Erfolg. Wagenknecht hat politisch noch nie einen Blumentopf gewonnen, ihre Protestbewegung „Aufstehen“ scheiterte jämmerlich. Ihre Fans glauben dennoch weiter glühend an die politische Unfehlbarkeit ihrer Heiligen. Allen Zweiflern wird wütend der Satz „Aber sie ist doch so populär!“ entgegengerufen. Ja, populär ist sie, nicht zuletzt allerdings bei Leuten, die sich lieber ein Bein absägen als eine linke Partei wählen würden.
Die Linke habe schlecht abgeschnitten, weil sie nicht mehr die Interessen von „normalen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“ vertrete, so behauptete Sahra Wagenknecht nach der Wahl, munter die Lüge der Rechten verbreitend. Für arbeitende Menschen hat die Linkspartei tatsächlich jede Menge im Angebot, nur eben zum Leidwesen von Wagenknecht nicht nur für die „normalen“. Deutschland, aber normal – wir wissen Bescheid. Weiß, heterosexuell, patriotisch, leistungsbereit, traditionsgläubig – das hält die „Linkskonservative“ Wagenknecht für ordentlich deutsch. Dass die Normalität sogar in Deutschland längst anders aussieht, bekommt Wagenknecht von ihrem Anwesen im Saarland aus offenbar nicht mehr mit. Nach ihrem Willen soll die Linkspartei zum Erfolg zurückfinden, indem sie „Deutsche zuerst!“ trötet – als gäbe es nicht schon genug Parteien, die eben dies tun. Vor Schreck sind Scharen von jungen Wählerinnen und Wählern von der Linkspartei zu den Grünen oder linken Kleinstparteien geflohen. Aber es gibt immer noch Leute, die glauben, die Zukunft liege darin, mit Wagenknecht ein Häuflein frustrierter alter Männer von der AfD zurückzuholen.

Das Schicksal der Linkspartei könnte einem wurscht sein, wäre sie nicht die derzeit einzig vernehmbare parlamentarische Vertretung für Millionen von Menschen, die keine Lobby, oft nicht einmal eine Stimme haben. Arbeitslose und Beschäftigte in miesen Umständen, ob im Lieferdienst, in der Pflege oder an der Universität, die nicht selten zugleich eine Migrationsgeschichte haben. Kapitulierte auch die Linkspartei noch vorm Prinzip des nationalen Egoismus, würde sie sich nicht nur selbst überflüssig machen, es gäbe auch keinen Grund mehr, ihr Ende zu bedauern.

Foto: Amac Garbe

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