Verjagt, vergessen, verzweifelt

Verjagt, vergessen, verzweifelt

Es ist ein warmer Sommerabend, die tief stehende Sonne scheint durch die Bäume und im Hintergrund fährt ein Zug vorbei. Nicht weit von den Schienen sitzt eine Gruppe Menschen und bereitet ihr Abendessen zu. Die Zutaten dafür entnehmen sie einer Holzpalette mit Lebensmitteln, in alten Tonnen lagert ihr Trinkwasser.
„Kann mir mal jemand ein Feuerzeug geben?“ ruft einer aus der Gruppe und Amar, ein junger Mann, reicht es ihm. Gemeinsam versuchen sie ein Feuer in einer alten Grillschale zu entzünden.

Die Szene spielt in Calais, einer kleinen französischen Küstenstadt. Menschen, die sich hier begegnen, sind auf der Flucht, einige von ihnen schon seit vielen Jahren. In Calais angekommen, versuchen sie, irgendwie über die Grenze nach England zu kommen. Gemeinnützige Organisationen nehmen an, dass sich bis zu 1000 Flüchtende in der Region aufhalten.
“Ich bin seit 4 Monaten in Calais. Eigentlich wollte ich nur kurz bleiben, aber es ist schwieriger, als ich dachte, die Grenze zu überwinden. Ich habe es bisher nicht geschafft.“, erzählt Amar. Er spricht in perfektem Deutsch, das er in den 5 Jahren, die er in Deutschland lebte, erlernt hat.

“Ich habe eigentlich nie Probleme gehabt, ich hatte sogar eine eigene Wohnung in Deutschland. Dann aber wollte man mich nach Afghanistan abschieben. Ich kann und will aber nicht dahin zurück! Also bin ich mit dem Zug nach Paris und weiter mit dem Bus nach Calais gefahren. Seitdem versuche ich hier zu überleben bis ich eine Gelegenheit finde, nach England zu kommen. Meine Freunde dort sagten mir, dass ich zu ihnen kommen soll, dass ich eine Chance in England habe.”
Seitdem der “Dschungel von Calais” im Jahre 2016 geschlossen wurde, sammelten sich viele Menschen wie Amar in den alten Industriegebieten des Ortes, die dann schnell mit Wachpersonal und Stacheldraht abgesichert wurden. Auch die Wälder und Wiesen, in denen die Menschen daraufhin Zuflucht suchten, sind mittlerweile zum großen Teil umzäunt. Der Hafen, in denen die Fähren ablegen, wurde zu einer Festung.

Menschen auf der Flucht, die es hierher verschlagen hat, halten sich im Dschungel stets nur in kleinen Gruppen auf und versuchen nicht in das Sichtfeld der Polizei zu geraten. Täglich zerstört die französische Polizeieinheit CRS die ihnen bekannten provisorischen Camps. Sie zerschneiden die Zelte, vernichten Lebensmittel, drohen den Menschen mit hohen Strafen und zwingen sie damit die Küstenregion zu verlassen.
Amars Gruppe versucht mit Hilfe von LKWs über die Grenze zu gelangen. So oft wie möglich laufen sie die Straßen entlang, in der Hoffnung, dass einer der vielen LKWs die Hecktür nicht abgeschlossen hat.

“Ich habe es schon oft in die LKWs geschafft. An einigen Stellen fahren die langsamer und mit etwas Glück kann man draufspringen. Aber spätestens am Hafen wurde ich immer bemerkt. Ich werde es aber weiter versuchen, irgendwann schaffe ich es ganz bestimmt.”
England ist aus verschiedensten Gründen das Ziel der Menschen hier. Einige haben Freunde oder Familie dort, andere sprechen die Sprache sehr gut und erhoffen sich einen leichteren Umgang in diesem Land. Für viele ist es jedoch die verzweifelte letzte Chance, nachdem ihnen in den bisherigen Ländern keine Aufenthaltsgenehmigung gegeben wurde oder die unmittelbare Abschiebung drohte.
Seit 2016 gibt es in Calais keinerlei Infrastruktur für diese Krise; Frankreich tut nur alles, um den Menschen zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind. Es gibt so gut wie keine staatlichen Hilfen, NGOs werden bei ihrer Arbeit behindert und die Geflüchteten erfahren Ausgrenzung, Vertreibung und Tyrannei.
Obwohl die Situation vor Ort weiterhin angespannt bleibt und für die betroffenen Menschen katastrophal ist, ist es in der öffentlichen Berichterstattung und in den Sozialen Medien kaum noch ein Thema.

Seit Beginn der Corona-Pandemie sahen sich NGOs und Hilfsorganisationen gezwungen, ihre Arbeit teilweise einzustellen. Die Lebensbedingungen für die Betroffenen verschlechterten sich damit in der letzten Zeit rapide und der Anteil an körperlichen und psychischen Erkrankungen unter den Menschen steigt immer mehr.
Das Stück Meer, das Frankreich von England trennt, ist viel befahren und für die Menschen, die es zu überqueren versuchen, brandgefährlich. Dennoch legen täglich überfüllte Schlauchboote in Richtung Dover ab, denn viele Menschen sehen in ihrer Verzweiflung nur noch den gefährlichen Weg über den Ärmelkanal, um ihr Leben zu retten oder zu ihrer Familie zu gelangen.
England verstärkte in der letzten Zeit erneut den Grenzschutz und auch die Polizei in Calais ist immer präsenter.
Doch auch dies wird die Menschen nicht aufhalten, sie werden es weiterhin versuchen. Verzweiflung und Überlebenswille treibt sie an. Die Regierungen müssen verstehen, dass die Menschen nicht freiwillig auf der Flucht sind, sondern dass sie dazu gezwungen sind, weil es einfach keine sichtbare Alternative für sie gibt.

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