MY FLIP-FLOP  WALK INTO THE HELL AND BACK

MY FLIP-FLOP  WALK INTO THE HELL AND BACK

22. September 2020

Ich bin heute genau 55 Jahre alt, ich bin erfahren, ich habe schon vieles gesehen und ich bin resilient – zu oft auf der Straße reanimiert, so viele Menschen in den Tod begleitet, Dinge erlebt, was kann ich noch sehen was mich erschüttert?

Ein privater Segeltörn, schlanke 805 Seemeilen insgesamt, führte uns nach 7 Tagen nach Lesbos, das Einlaufen schon interessant, 2 Coast Guard Schiffe begleiten uns, ein Helikopter ist plötzlich da, ein Schiff begleitet uns, ungefragt. Man spürt eine militärische Präsenz.

Meine Crew war 8 Tage ununterbrochen an Bord, die Meltemi Kreuz über 220 sm war scharf, 40 knt Wind in Böen, dementsprechende Welle, ein Riss im Großsegel, gebrochene Blöcke, tapfer waren sie und nervenstark. Wir legen an, bester Platz längsseits, ein Bier, es wirkt wie zwei, ein Frühstück, die Crew bezieht die Hotelzimmer. Und jetzt, frag ich mich?

Der Körper verlangt Bewegung. Ich gehe den Hafen entlang, will auf das Coast-Guard-Ship der Griechen, wollte mehr über ihren Auftrag wissen. Der deutsche Schäferhund und die Mannschaft sind dagegen, der Schäfer deutlicher als die Mannschaft. 

6,9 km bis Moria zeigt die Kartenfunktion meines Smartphones. Kurze Hose, UV-50 Shirt, langarm, neongelb, ein Packerl Moods, Sturmfeuerzeug und Flip-Flops – Ich will mich vergewissern was da passiert, es hat gebrannt, ich lese in internationalen Medien, peinlich die Aussagen des österreichischen Kanzlers Kurz und von Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres Schallenberg – wobei so schlimm kann es doch wohl nicht sein. Wenn österreichische Politiker sagen, wir leisten Hilfe vor Ort, na dann….

Wie ist es wirklich, kann ich das Lager, nein die Reste des Lagers überhaupt zu Fuß erreichen? Die Tage zuvor haben wir am Schiff gesprochen, wie es gehen könnt, die NGO´s raten zur Vorsicht, die Lage ist unsicher. 

Ich bin also privat unterwegs, segle ein Schiff von A nach B, die Crew schläft. Was will mir passieren, ich hab ein gutes Gefühl für einen notwendigen Rückzug, wenn es enger werden sollte. 

Polizeisperre eins, sie stehen am Straßenrand, ohne Reaktion, Sperre zwei und drei werden körperlich enger – die Strategie durchzukommen ist klar: kein Blickkontakt, max. kurzes Zunicken, wenn überhaupt, selbstbewusst durchgehen einfach, ich gehöre dazu. Ich werde ignoriert. 

Zwei Männer begegnen mir. Skurril die Situation, wir gehen ein Stück gemeinsam zurück. Einer schiebt ein Fahrrad, der Hinterreifen blockiert, meine Flip-Flops übrigens auch schon langsam, erste Blasen haben sich gebildet.

Sie hätten gerne eine Begleitung durch mich, sie erhoffen sich durch die Polizeisperren zu kommen, wollen Lebensmittel kaufen. Ein Durchkommen an den Sperren ist scheinbar mit neongelben T-Shirt einfacher. Ich lehne ab, zu groß die Angst, dann nicht mehr zurückgehen zu können.  

Lange Gerade, Kurve nach links, kurze Gerade, zwei Polizeibusse – Straße gesperrt. Auch in dieser Situation ist mein neongelbes Shirt von Vorteil, es war heiß, die letzte Selbstpflegeaktion lag 48 Stunden hinter mir. Luxusproblem, 48 Stunden ohne Waschen…, wie pflegt man sich in einem Lager, wie pflegt man sich, wenn es dieses nicht mehr gibt?

Kurzer Körperkontakt mit den Tränengasgranaten, die die Polizei vorne aufgeschnallt hat, ganz rechts am Bild ist eine Passage, eng ist es da. Es fällt den griechischen Jungs mit der Bewaffnung leicht, cool zu bleiben, in Anbetracht eines österreichischen Seglers mit neongelbem T-Shirt und einem Selbstpflegedefizit – eigentlich bin ich die Tränengasgranate, denke ich.

Und danach eine andere Welt

Die Absperrung durch die Busse ist wie ein Vorhang, danach überschwemmt es mich, es nimmt einem kurz die Luft. Unermessliches Leid – selbst darüber zu schreiben schmerzt, nicht nur psychisch, es ist auch körperlich spürbar – nicht aus den Nachrichten, nicht aus den Bildern, persönlich erlebt ist es ein Irrsinn.

Die Straße ist vermüllt, komplett, es gibt keine Möglichkeiten den Müll in Behältnissen zu entsorgen, mein erster Gedanke: Ein Schlachtfeld. Wo verrichten die Menschen ihre Notdurft, frage ich mich?

Arthur steht neben mir, 25 Jahre alt, Franzose, Lehrer – er will sich umsehen, wo ein eventueller Unterricht stattfinden kann, hat schon in Moria unterrichtet, kennt sich aus, umgeht geschickt Situationen. Wir gehen ein Stück des Weges gemeinsam, zu schnell für mich. Arthur will sich einen Überblick verschaffen, ich mit den Menschen reden. Wir verabschieden uns.

Rechts von mir bricht ein 50igjährige Mann Zweige von einem Strauch und versucht, ein Gerüst zu bauen, um es mit Stoffen abzudecken. Er versucht einen Schutz zu bauen, die Sonne ist intensiv. 2 Kinder daneben am Boden.

Am Straßenrand eine 60-jährige Frau, Wäsche waschen in einem Rinnsal, das seitlich der Straße rinnt, sie schlägt die Wäsche immer wieder auf die Straße, drückt sie im dreckigen Wasser durch.

Ich spreche mit 2 Brüdern aus Afghanistan. Sie waren 4 Stunden für Essen angestellt, das sie jetzt zu ihrem Platz bringen. Sie sind seit über einem Jahr hier, sie fragen mich, wie es weiter geht. Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Die Schlange zur Essensausgabe ist mehrere hundert Meter lang. Die Menschen sind diszipliniert, kaum jemand hat Masken, die Menschen stehen dicht gedrängt. Eine Ausbreitung von SARS-CoV-2 ist vorprogrammiert, es gibt keine funktionierende medizinische Versorgung. Wie werden die Menschen auf einen Ausbruch reagieren? Nehmen sie es still hin oder…?

Je länger die Schlange zur Essensausgabe wird, desto gedrängter stehen die Menschen. Am Dach des LKW drei Freiwillige, sie versuchen wild gestikulierend eine Eskalation zu verhindern, es gab drei Tage nichts zu essen. 

Freiwillige verschiedenster Nationalitäten bilden beidseitig entlang der Schlange eine Menschenkette. Sie haben sich an den Händen gefasst und verhindern so, dass Menschen sich vorne in die Schlange reindrängen, eine notwendige Maßnahme um Unruhen zu verhindern. Auch sie stehen seit vielen Stunden in der prallen Sonne.

Ich spreche mit einem der zahlreichen Journalist*innen. Er kommt aus England, seine Augen sind gerötet. Er war an diesem Morgen in den Tränengasangriff involviert. Er berichtet, dass die griechischen Sicherheitskräfte die Tränengasgranaten in eine ruhige Menschenmenge gefeuert haben. Es waren auch Menschen betroffen, die in den Zelten geschlafen haben. Für Kinder kann Tränengas lebensgefährlich sein, sage ich. Er nickt mit dem Kopf und beginnt kurz zu weinen. Tränen rinnen ihm über das Gesicht, während er sagt, ich soll mir das Video auf Instagram ansehen.

Ich bin nun am Ende angelangt, auch hier sind wieder Polizeisperren, die eine Begrenzung nach außen bilden.

Arthur, der französische Lehrer, ist plötzlich wieder da. Er meint wir sollten bis nach der Kurve gehen und dann umdrehen. Unsere Strategie ist klar: kein Blickkontakt, max. kurzes Zunicken, wenn überhaupt, selbstbewusst durchgehen einfach, ich gehöre dazu. Wir werden wieder ignoriert.

Bernd Nawrata

Foto: Bernd Nawrata

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