Mama, Papa, ich bin jetzt in der Sozenbande!

Mama, Papa, ich bin jetzt in der Sozenbande!

02. Juni 2021

gestern Mittag launchte das Team Olaf Scholz der SPD die nächste Social-Media-Rakete im digitalen Wahlkampfteam. Schon am Morgen hatte mich der SPD-Bot auf Telegram heiß gemacht: “Guten Morgen, Sozenbande! Es besteht die Gefahr, dass die AfD Sonntag die stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt werden könnte. 💩Die CDU eiert rum und distanziert sich NICHT von der AfD. Aber wir halten dagegen! […] Wir zeigen Rechtsextremen die rote Karte! 🟥” Ach ja, Sachsen-Anhalt, da war ja was, dachte ich. Und gleichzeitig: Genau so geht Social Media im Jahr der Bundestagswahl. Noch während ich mir verschlafen die Augen reibe, trudelt schon die erste energetisierende Nachricht der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands rein, spätestens bei “Sozenbande” haben sie mich dann komplett im polit-emotionalen Schwitzkasten: “Ich bin jetzt in einer Bande, macht mal Platz hier für den Olaf”, solche und ähnliche kommunikativen Szenarios spielte ich Minuten später unter Dusche akribisch durch. Oder auch: “Mama, Papa, anschnallen bitte: Ich bin jetzt mit dem Olaf in einer Bande, okay!?” In der Phantasie macht Sozialdemokratie manchmal richtig Spaß.

Dreieinhalb lange Stunden später, um 14:19h, war es dann endlich soweit: Olaf Scholz postet auf in den sozialen Medien ein Foto von Olaf Scholz, vermutlich im Willy-Brandt-Haus. Mit dem rechten Arm streckt er dabei jedoch nicht wie versprochen eine rote Karte vor Linse, sondern ein abgewetztes SPD-Parteibuch. Was ist denn hier passiert, dachte ich. Die Banden-Absprache war doch, dass wir alle eine rote Karte posten? Ließ sich im gesamten WBH – so das bei uns Politfans bevorzugte zärtliche Akronym für’s Willy-Brandt-Haus – etwa keine einzige rote Karte ausfindig machen, der einzige Gegenstand, der entfernt an das gewünschte Schiedsrichterutensil erinnert, sollte also ein abgewetztes SPD-Parteibuch sein? Meine Verwunderung schlug in Nachdenken, in Reflektion um. “Wie ist es zu diesem verdammten Foto gekommen?” ratterte es in mir. Vielleicht ist die Entscheidung, die rote Karte durch ein SPD-Parteibuch zu ersetzen, sogar ganz bewusst, also strategisch gefallen. Warum die Fläche hier ungenutzt lassen, wenn sich die Message “Rote Karte gegen Rechts” clever mit ein wenig Promotion die alte Dame SPD verquicken lässt? So wird vielleicht ein Schuh draus, dachte ich, und schrieb trotzdem an den SPD-Bot auf Telegram: “Ich hab Bock auf die Kampagne, aber warum hält Olaf auf dem Foto ein Parteibuch hoch statt der roten Karte? Die Absprache war doch anders?” Bis Redaktionsschluss lag keine Antwort vor.

Fast genauso interessant wie die magische Fotografie ist jedoch auch der Text (caption) den Olaf Scholz begleitend in sein Handy getippt hat: “Wir zeigen Rechtsextremismus die #RoteKarteGegenRechts! Auch heute noch wollen Nazis und Rassisten ein Klima von Hass, Zwietracht & Angst schaffen. Sie lehnen all das ab, was unsere Gesellschaft zu einer guten Gesellschaft macht: Vielfalt, Zusammenhalt, Respekt und Solidarität.” Ein cleverer Move, “rechts” und “rechtsextrem” in dem Posting nahezu gleichzusetzen: So könnte man in der Kampagne mit der Empörung von WELT, BILD und einigen tausend Wahnsinnigen in den sozialen Medien arbeiten – wenn die sich nur für unsere Kampagne interessieren würden. Gleichzeitig imponiert mir jedoch auch, wie Olaf trotz mieser Umfragewerte hier keine Gefangenen macht: So offen hat lange kein SPD-Kanzlerkandidat mehr ausgesprochen, dass die Noch-Koalitionspartner von der Union mit ihren Maaßens, Ottes, Kochs und Gaulands maßgeblich dazu beigetragen haben, Hass und Rassismus für und in die immer enthemmtere Mitte zu liefern (wie Mission Lifeline-Kolumnist Stephan Anpalagan schon vor knapp einem Jahr im Presseclub erklärte). Rote Karte also auch für die rechte CDU, Chapeau!

Ein letzter Gedanke: Die, die “Vielfalt, Zusammenhalt, Respekt und Solidarität” ablehnen und gegen die es sich mit allen roten Karten der Welt zu wehren gilt, sie erinnern in Olafs Statement auch mal wieder ein wenig an die berühmten Nazi-Außerirdischen, die 1933 mit einem Raumschiff mitten in Deutschland landeten und, obwohl sich alle anständigen Deutschen mit Händen und Füßen wehrten, die Macht übernahmen. Vielleicht wäre die Geschichte anders gelaufen, sinniere ich mit dem Smartphone in der Hand, wenn wir den Nazis nur früh genug die rote Karte gezeigt hätten. Deswegen wird es höchste Zeit.

Und genau deswegen: Auch von mir die #RoteKarteGegenRechts

Foto: Susi Bumms

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