Grünes Licht, rotes Licht

Sie wurden geschlagen und getreten, haben gehungert und gedurstet. Sie haben anderen geholfen, den richtigen Weg zu finden, haben dabei gefroren und gebetet.
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Grünes Licht, rotes Licht

Grünes Licht, rotes Licht

05. Januar 2022

Die Zurückgelassenen

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben. Sie wollen raus, doch es fehlt an Geld, an Infrastruktur und vor allem an politischem Willen Deutschlands, das 20 Jahre lang Krieg im Land geführt hat. Mission Lifeline ist nach Afghanistan gefahren, um die Geschichten jener zu hören, die zurückgelassen wurden.

Teil 4: Grünes Licht, rotes Licht – wie eine Bombe, die für die Deutschen bestimmt war, eine afghanische Familie in die Armut stürzte.

Sie wurden geschlagen und getreten, haben gehungert und gedurstet. Sie haben anderen geholfen, den richtigen Weg zu finden, haben dabei gefroren und gebetet. Über vier Tage lang haben die beiden Brüder Jamil* und Ikram* (Namen geändert) im August mehrmals den gefährlichen Weg zum Flughafen Kabul auf sich genommen, um einen Fluchtweg für die Familie zu finden. Das einfache, aber doch so schwer erreichbare Ziel: Raus aus Afghanistan, das nun wieder einmal durch die radikalislamischen Taliban beherrscht wird. Raus aus Afghanistan, dessen Wirtschaft vor dem Kollaps steht und in dem die Menschen im kalten Winter hungern. Raus aus Afghanistan, dessen seit 20 Jahren herrschender Krieg dem Familienvater fast das Leben gekostet hat.

Mehrere Tage haben sie sich durch die Menschenmenge gekämpft – erfolglos. Mal scheiterten sie an den Taliban, die sie verprügelten. Mal scheiterten sie daran, dass sie ihre Mutter und Geschwister nachholten, doch mit Gepäck und dem dreijährigen Mädchen nicht den Fluss überqueren konnten, um zum richtigen Tor zu gelangen. Mal scheiterten sie an Erschöpfung. „Es war das totale Chaos“, erinnert sich Jamil. „Niemand wusste wohin.“ Am 19. August erhalten sie einen Anruf vom deutschen Verteidigungsministerium. Sie sollen zum Abbey Gate, heißt es, dort seien sie auf der Liste für einen Flug. „Endlich hat die Tortur ein Ende“, dachte sich Jamil, „endlich grünes Licht.“ Mit seinen vier Geschwistern, Vater und Mutter im Schlepptau waren sie nur zehn Minuten vom ersehnten Flugzeug entfernt, als ein Selbstmordattentäter seine Sprengladung zündete und mindestens 182 Menschen in den Tod riss. Das Licht wurde rot, sowie der Asphalt, getränkt vom Blut der Fliehenden sowie 13 toten US-amerikanischen Soldaten, erinnert sich Jamil.

Wir treffen die Familie in einer kalten und dunklen Mietwohnung in Kabul. Draußen stapelt sich der Schnee. Um die Miete zu bezahlen, um Essen zu können, verkaufen sie ihre letzten Habseligkeiten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ortskräften und Mitarbeitern deutscher Organisationen liegt das Problem der Familie nicht in der fehlenden Anerkennung als ehemalige Ortskräfte und damit als Schutzbedürftige in einer besonderen Bedrohungslage. Sieben Jahre lang hat der Vater der Familie für die deutsche Bundeswehr als Reinigungskraft im Camp Marmol, dem größten Feldlager des deutschen Kontingents in der nördlichen Provinz in Masar-i-Scharif, gearbeitet. In seinem Arbeitszeugnis wird er von einem deutschen Hauptmann als zuverlässigen und gern gesehenen Mitarbeiter beschrieben. „Sie wollten, dass er noch länger für sie arbeitet“, erzählt Jamil. Er muss alles für den Vater tragen, und auch für ihn sprechen.

Der Vater selbst kann das nicht mehr. Nach seiner Anstellung bei der Bundeswehr arbeitete er bei einer Hühnerzucht neben dem deutschen Konsulat in Masar-i-Scharif. Vor dem Gebäude zündeten die Taliban im November 2016 eine Autobombe. Das Konsulat wurde komplett zerstört. Kein deutscher Staatsbürger starb bei dem Angriff. Dafür mindestens sechs Afghanen. Über 120 wurden verletzt, darunter Jamils Vater, dem durch die Wucht der Explosion eine Ader im Kopf platzte. Seitdem ist er rechtsseitig gelähmt.

Deshalb seien sie in die Hauptstadt Kabul gezogen, erzählen sie. Denn der Vater konnte nicht mehr arbeiten, er braucht dringend eine Operation. Doch der Familie fehlt das Geld. Als US-Präsident Donald Trump im Februar 2020 mit den Taliban ein Friedensabkommen zur Beendigung des Krieges unterzeichnete, bemüht sich die Familie um ein Visum für Deutschland, auf das sie als Familie einer ehemaligen Ortskraft ein Recht haben. Mit Erfolg: Am 1. Mai 2021 meldet sich das deutsche Verteidigungsministerium per E-Mail bei der Familie. „Nach einigen weiteren Mails, vielen Telefonaten und Formularen haben wir es geschafft“, erzählt Jamil. Das Recht auf Schutz in Deutschland wird der Familie zuerkannt – bis auf den ältesten Bruder, der bereits älter als 24 Jahre ist. „Doch aufgrund der chaotischen Situation am Flughafen sowie unserer wirtschaftlichen Lage haben wir es bislang nicht nach Deutschland geschafft“, erzählt Jamil traurig. Die meisten Arbeitskollegen des Vaters befinden sich bereits in der Bundesrepublik.

Doch es gibt Hoffnung: Sie sind weiter in Kontakt mit der Bundesregierung. Ihr Recht auf Schutz in Deutschland ist auch weiterhin gültig. Nur besitzt außer dem Vater keiner in der Familie einen Reisepass. Und weil es in Afghanistan keine deutsche Vertretung mehr gibt, müsste die Familie erst nach Pakistan, um von dort nach Deutschland reisen zu können. Seit der Machtübernahme der Taliban sind afghanische Reisepässe auch nur durch Bestechungsgelder zu erlangen. Ein Pass kostet auf dem Schwarzmarkt zwischen 500-600 Euro. Für diese Familie ein Vermögen.

Das Beispiel von Jamil und seiner Familie zeigt, wie im Krieg eine Bombe, die für jemand anderen bestimmt ist, eine Familie in die Armut stürzen kann. Es zeigt auch, dass die Erlaubnis nach Deutschland zu gehen, für viele afghanische Familien nichts weiter als eine Hoffnung bleibt, solange niemand ihnen bei ihrer Flucht hilft. „Wann gehen wir nach Deutschland?“, fragt die dreijährige Schwester während unseres Gesprächs. „Wenn wir genug Geld für Pässe haben“, sagt Jamil, „und, wenn die Menschen in Deutschland uns helfen.“

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