Eine gemischte Bilanz


Der Afghanistan-Einsatz ist zu Ende

Eine gemischte Bilanz – Der Afghanistan-Einsatz ist zu Ende

04. Juli 2021

Kolumne von Ruprecht Polenz

Welche Verbesserungen für das Leben in Afghanistan in den letzten 20 Jahren erreicht wurden, wird man tragischer Weise wohl erst dann richtig erkennen, wenn die Taliban sie wieder zunichte gemacht haben.

Am Mittwoch sind die letzten Soldat:innen der Bundeswehr aus Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrt. Damit geht nach fast 20 Jahren der bislang gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr zu Ende. Mehr als 150.000 deutsche Soldat:innen waren beteiligt. 59 Soldaten sind getötet worden, 125 Soldatinnen und Soldaten wurden im Einsatz verwundet.

War es das wert? Die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) hat eine Enquete-Kommission vorgeschlagen, um eine umfassende Bilanz zu ziehen, damit für die Zukunft daraus gelernt wird. Denn der internationale Truppenabzug läßt ein Land zurück, das erneut droht, in die Hände der Taliban zu fallen. Eine verläßliche Stabilisierung Afghanistans, in dem die Menschen sicher und frei leben können, wurde nicht erreicht.

Als der Bundestag am 22. Dezember 2001 das erste Afghanistan-Mandat beschloss, ging es um die Bekämpfung von Al Quaida, die seit Ende der 90er Jahre von Afghanistan aus weltweit Terroranschläge verübt hatte, zuletzt den Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001.

Die Taliban unter ihrem Führer Mullah Omar hatten sich geweigert, Osama Bin Laden und seine Gefolgsleute auszuliefern. In den Wirren des Bürgerkriegs, der das Land nach dem Abzug der Sowjetunion 1989 verwüstet hatte, hatten sich die Taliban 1996 durchgesetzt. Als religiöse Fundamentalisten boten sie den Menschen eine islamistische Ordnung an, die viele gegenüber dem Chaos und der Anarchie des Bürgerkriegs zunächst als Fortschritt ansahen.

Aber es wurde eine Schreckensherrschaft: Öffentliche Auspeitschungen und Hinrichtungen im Stadion von Kabul, völlige Entrechtung der Frauen, Willkür und Brutalität. Mit aller Macht wollten die Taliban ihre Vorstellungen eines gottgefälligen Lebens durchsetzen, dessen Grundsätze sie aus dem Koran entnommen hatten. So, wie sie ihn wortwörtlich verstehen.

Der NATO-Einsatz, an dem sich über 40 Länder beteiligten, beendete diesen fundamentalistischen „Tugend“terror und setzte dem von Afghanistan ausgehenden, internationalen Terror von Al Quaida ein Ende. Das Land gab sich eine Verfassung, wählte Parlamente, Regierungen und Präsidenten. Aber es kam nicht zur Ruhe.

Immerhin: es gab Fortschritte, vor allem für die Frauen. Der staatliche Burkha-Zwang wurde aufgehoben. Mädchen können endlich in die Schule gehen und an den Hochschulen und Universitäten im Land studieren. Das hatten die Taliban ihnen strikt verboten. Das Gesundheitswesen wurde verbessert. Die Kindersterblichkeit sank.

In den letzten Jahren richteten sich die Anstrengungen der NATO vor allem darauf, die afghanischen Streit- und Polizeikräfte so auszustatten und auszubilden, dass sie selbst für die Sicherheit im Land sorgen können. Gleichzeitig nahmen die Terroranschläge der Taliban wieder zu. Versuche, über Friedensverhandlungen zu einem Ende der Auseinandersetzungen zu kommen, scheiterten.

Die Sorge, dass die Taliban über kurz oder lang die Herrschaft erneut übernehmen, ist leider nicht unbegründet. Ob sie in Zukunft anders herrschen würden, als in den 90er Jahren, weiß man nicht.

Besonders gefährdet sind deshalb alle Afghan:innen, die der Bundeswehr geholfen haben, als Dolmetscherinnen und Dolmetscher, qualifiziertes Fachpersonal, Wachleute und Hilfskräfte. Sie fürchten um ihre Sicherheit und ihr Leben – wie auch um das ihrer Familienangehörigen. Die Taliban haben immer wieder deutlich gemacht, dass sie diese Ortskräfte als Kollaborateure des Westens begreifen, die sie als Unterstützer eines militärischen Besatzungsregimes zur Verantwortung ziehen wollen.

Gemeinsam mit vielen anderen habe ich deshalb einen Aufruf an die Bundesregierung unterstützt, damit diese die Ortskräfte und ihre ebenfalls gefährdeten Familienangehörigen in Deutschland aufnimmt, wenn sie das wünschen. Der Aufruf scheint Erfolg zu haben. Die Bundesregierung will jetzt mehr Ortskräfte aufnehmen, als bisher geplant.

Seit 2013 hatte Deutschland 798 ehemalige Ortskräfte mit 2.596 Familienangehörigen aufgenommen.

Viele Ziele des Afghanistan-Einsatzes wurden verfehlt. Das Land geht einer ungewissen Zukunft entgegen. Was in den 20 Jahren an Verbesserungen für das Leben in Afghanistan erreicht wurde, wird man tragischer Weise wohl erst dann richtig wertschätzen, wenn die Taliban es wieder zu Nichte gemacht haben.

Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

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