Die Zurückgelassenen

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben.
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Die Zurückgelassenen

Die Zurückgelassenen

02. Januar 2022

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben. Sie wollen raus, doch es fehlt an Geld, an Infrastruktur und vor allem an politischem Willen Deutschlands, das 20 Jahre lang Krieg im Land geführt hat. Mission Lifeline ist nach Afghanistan gefahren, um die Geschichten jener zu hören, die zurückgelassen wurden.

Teil 1: Der Musiker

Er saß am Klavier, als der Anruf kam. „Die Taliban werden die Stadt einnehmen, geh nach Hause“, sagt ihm ein Freund. Kaum hat er aufgelegt, klingelt das Telefon erneut. Es ist ein Familienmitglied. „Verlass sofort die Uni, die Taliban sind jeden Moment in der Stadt.“ In der nächsten Stunde werden ihn fast ein Dutzend solcher Anrufe erreichen, erzählt Ahmad. Denn seine Freunde, seine Familie und seine Bekannten wissen: Er ist in höchster Gefahr.

Ahmad ist Musiker. Im August studiert er im letzten Semester an der Universität Kabul, steht kurz vor dem Bachelor. Er ist dabei, seine Abschlussarbeit zu komponieren. Doch es kommt anders: Es ist der 15. August 2021, und der Krieg zwischen den islamistisch-nationalistischen Taliban und den Streitkräften der ISAF-Koalition sowie den von ihnen aufgebauten afghanischen Sicherheitskräften ist nach 20 Jahren plötzlich vorbei. Hals über Kopf, so wirkt es, fliehen die Armeen der teils mächtigsten Nationen der Welt. Deutsche, britische, US-Amerikanische Soldaten füllen Flieger mit Personal und Kriegsgerät. Vieles müssen sie zurücklassen, beispielsweise über 3500 Sturmgewehre des Typs M4. Doch nicht nur Waffen werden ihrem Schicksal durch die Taliban überlassen, sondern vor allem Menschen. Jene, die wie Ahmad daran geglaubt haben, dass man sie nicht einfach so im Stich lassen würde.

Das Afghanistan der Taliban, das weiß Ahmad, hat keinen Platz für Menschen wie ihn. Musik ist in der Welt der Islamisten eine Sünde, wie auch als Frau ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit zu sein oder als Mann keinen Bart zu tragen. Als sie das erste Mal von 1996-2001 die Kontrolle über das Land hatten, herrschten auf Vergehen drakonische Strafen. Dieses Mal geben sich die Taliban überraschend freundlich. Doch viele vermuten dahinter nur eine Taktik, um die Wirtschaft vor dem Untergang zu bewahren und durch die Aufnahme internationaler Beziehungen auf dem politischen Parkett eine Rolle spielen zu können. Das Afghanistan der heutigen Tage wirkt so: Auf den Straßen herrscht eine relative Ordnung. Die Taliban geben sich als freundliche Ordnungsmacht, die streng aber fair das Land vor dem wirtschaftlichen wie moralischen Untergang retten möchte. Doch im Netz kursieren Videos und Berichte, die ein anderes Bild zeichnen. Wie in den 1990er zerstören die Islamisten Musikinstrumente, klopfen an Türen und suchen nach Menschen, die dem neuen islamischen Emirat ein Dorn im Auge sind.

Keine Chance auf Flucht

Wir treffen Ahmad an einem sicheren Ort in Kabul. Die Wintersonne scheint in den vom Stacheldraht umgebenen Hinterhof. Ahmad ist sichtlich angespannt. „Die ganze Stadt war am Rennen“, erzählt der 22-Jährige von den Ereignissen im August. Manche zum Flughafen, um irgendwie nur das Land zu verlassen. Andere rannten zu Freunden und Familie, um in diesen unsicheren Stunden Schutz bei ihren Nächsten zu suchen. Gemeinsam mit Lehrern und Kommilitonen verschließt Ahmad die Proberäume in der Uni. Danach eilt er nach Hause, wickelt verzweifelt seine Instrumente in Decken und Klamotten, versteckt sie, wo er nur kann in der kleinen Wohnung seiner Familie. Am frühen Abend verlässt er das Haus und geht zu seiner Schwester. Bereits am nächsten Morgen ist die Stadt vollständig unter Kontrolle der Taliban.

Seitdem verlässt er kaum das Haus. „Nur, wenn es absolut notwendig ist“, erzählt Ahmad. Er kann weder zurück in die Universität, noch kann er Unterrichten – vor August hatte er noch 13 Schüler*innen. Seine Zeit verbringt er damit, Emails zu schreiben: an Außenministerien, an Botschaften, an NGOs. Denn Ahmad will, ja er muss raus aus Afghanistan. Er würde fast überall hingehen, sagt er, doch am liebsten nach Deutschland. Der Studiengang Musik an der Uni Kabul, viele Instrumente und auch Workshops wurden zu Großteilen durch das deutsche Goethe-Institut finanziert und unterstützt. Er liebt klassische Musik, spielt am liebsten Beethoven auf seiner Gitarre, Sein Lehrer, Mohsen Saifi, wurde tatsächlich durch die Bundeswehr evakuiert, erzählt er. Er ist jetzt in Weimar. „Ich kann nicht mehr“, sagt Ahmad, „ohne Musik ist das kein Leben für mich.“

Vor der Machtübernahme sei das Leben auch kein Leichtes gewesen, erzählt er. Trotzdem habe es Freiräume gegeben, in denen man sich verwirklichen konnte. Laut Angaben der Bundesregierung sind über die vergangenen 20 Jahre über 17,3 Milliarden Euro für den Militäreinsatz sowie zivile Projekte nach Afghanistan geflossen. Das traurige Ergebnis lässt sich gut an Ahmads Schicksals nachzeichnen. Er ist Teil einer gesamten Generation, die zwar im Krieg aufgewachsen ist, doch stets mit der Hoffnung, in Zukunft ein Leben führen zu können, das zwar längst nicht perfekt, doch immerhin lebenswert ist. Durch den Sieg der Taliban wurde ihnen diese Hoffnung genommen. Aus der modernen afghanischen Jugend, die man im Namen der Freiheit und Demokratie unterstützt, ist nun eine bedrohte Jugend geworden, deren Leben permanent auf dem Spiel steht.

Nach zwei stunden Gespräch ist Ahmad sichtlich erschöpft. Langsam macht er sich auf den Nachhauseweg, vorbei an den Checkpoints der Taliban, die ihm Undenkbares antun könnten, sollte sie von seiner Profession erfahren. Aufgegeben hat Ahmad trotzdem nicht, zumindest nicht ganz. Obwohl sein Leben in Gefahr ist, spielt er manchmal noch Musik. Dann holt Ahmad die eingewickelte Gitarre aus dem Kleiderschrank, setzt sich vom Fenster weg und beginnt an den Saiten zu zupfen. „Aber nur ganz, ganz leise“, sagt er. „Die Wände zu den Nachbarn sind extrem dünn, und in diesen Tagen weiß man nie, wer zuhört.“

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