Die Polizistin

Die Polizistin

31. Januar 2022

Die Zurückgelassenen

Im August 2021 ist ganz Afghanistan unter die Kontrolle der Taliban geraten. Tausende sind geflohen, doch viel mehr Menschen fürchten nun unter den Islamisten um ihr Leben. Sie wollen raus, doch es fehlt an Geld, an Infrastruktur und vor allem an politischem Willen Deutschlands, das 20 Jahre lang Krieg im Land geführt hat. Mission Lifeline ist nach Afghanistan gefahren, um die Geschichten jener zu hören, die zurückgelassen wurden.

Teil 14: Die Polizistin

Sie wollte ein Vorbild für alle afghanischen Frauen sein. Heute ist Soraya eine Vertriebene, eine Gejagte. Um sich zu schützen, hat sie sich selbst in einer Wohnung eingeschlossen, die nicht ihr gehört. Denn Soraya hat sich über die Jahre viele Feinde gemacht. Feinde, die, wenn sie wüssten, wo sie sich aufhält, mit ihr kurzen Prozess machen würden.

Denn Soraya war nicht nur Polizistin, ein wohl auf der ganzen Welt kein ungefährlicher Beruf, sondern hat 15 Dienstjahre als Frau in Afghanistan gedient. Ihre Heimatstadt Herat, im Westen Afghanistans in der Nähe zur iranischen Grenze, gilt zudem als besonders konservativ. Ihr Job: In der extrem konservativen und teils archaischen Gesellschaft Frauen zu unterstützen, die zu Hause Gewalt erfahren haben. In ihrer Arbeit in der zentralen Polizeistelle in Herat war sie die erste Ansprechpartnerinnen für Frauen, die nicht mehr weiter wussten und so bei jener Institution Hilfe suchten, der in Afghanistan eigentlich die wenigsten Vertrauen: dem Staat.

„Vergewaltigungen, Schläge, Misshandlungen, Folter, Zwangsheirat mit Minderjährigen, ich habe alles miterlebt“, erzählt sie. Schnell lernt die Frau, die direkt nach der Wahl des ersten Präsidenten Afghanistans nach dem Fall der Taliban 2001 zur Polizei geht, dass man in diesem Job kaum Privates von Beruflichem unterscheiden kann. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, die ihrem Mann beinahe das Leben kostet. Denn viele Fälle, die Soraya über die Jahre betreut, laufen über eine durch den Staat vermittelte Scheidung hinaus – für viele Ehemänner und ihre Familien eine unerträgliche Schande, gegen die sie sich wehren. Mit Einschüchterung, Bedrohung, Erpressung, aber auch mit körperlicher Gewalt. „Man gewöhnt sich daran“, erzählt Soraya, „zumindest denkt man das am Anfang.“ Doch im Jahr 2011 begegnet sie einem Fall, der bis heute ihr Leben bestimmt.

Er geht so: Ein Mann schlägt und vergewaltigt seine Frau. Sie lässt sich scheiden, Soraya sorgt dafür, dass er verhaftet wird. Bereits vom Gefängnis aus droht er ihr und ihrer Familie per Anrufe. Aus Angst um ihren jüngsten Sohn schickt sie diesen 2013 auf illegalem Weg nach Deutschland. Als der Mann aus dem Gefängnis kommt, entführt er ihren Mann, foltert diesen und schießt ihm ins Bein – bis heute kann er nicht richtig laufen. Soraya sucht nach ihm und findet ihn. Er wird einem Richter vorgeführt und zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt. Doch als die Taliban die Kontrolle übernimmt, entkommt er dem Knast und droht der Familie weiter. Als er eines Tages vor ihrer Haustür steht, kommt es zu einem Faustkampf zwischen ihr und diesem Mann, den sie nur knapp überleben. Seitdem leben sie versteckt. Er will eine Entschädigung von 8000 US-Dollar von der Familie erpressen. Sie zahlen ihm 2000, doch er lässt bis heute nicht nach.

Zu Hause zeigt sie uns einen riesigen Stapel Dokumente. Es sind Erinnerungen an ein altes Leben. Zertifikate von der Schießausbildung durch die Amerikaner, Arbeitszeugnisse, Ausweise und haufenweise Fotos: Mit ausländischen Offizierinnen auf Konferenzen im edlen Serena Hotel in Kabul, sogar von einer monatelangen Fortbildung in Kairo, der Hauptstadt Ägyptens. Es wirkt skurril, wenn Soraya uns diese Dokumente zeigt. Als wäre die Person auf den farbigen Bildern ein anderer Mensch. Soraya ist heute blass, gestresst. Jeden Tag telefoniert sie mit ihrem Sohn. Aus Sorge um seine Eltern hat dieser einen Schlaganfall erlitten, seine linke Körperhälfte ist gelähmt. „Ich muss raus, ich muss nach Deutschland zu meinem Kind“, sagt Soraya verzweifelt. Er ist schwer suizidal und droht regelmäßig sich umzubringen. Doch sie hat kaum Hoffnung, denn für sogenannte Ortskräfte der Bundesrepublik selbst ist es extrem schwer, in diesen Tagen eine Aufnahmezusage aus Deutschland zu erhalten. Soraya hat nie direkt für die Bundesregierung gearbeitet, doch obwohl sie an der vordersten Front für jene Vision gekämpft hat, die die Bundesrepublik mit ihrem Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in Afghanistan verflogt hat, weigert man sich bislang, Verantwortung für sie zu übernehmen und sie vor einem scheinbar sicheren Tod zu schützen.

Unterstütze unseren Einsatz in Afghanistan!

Menschen auf der Flucht brauchen Solidarität.
Als Fördermitglied könnt Ihr uns dauerhaft unterstützen.

Jetzt Fördermitglied werden!