LinkeMeToo: Trotz Feminismus und alledem

LinkeMeToo: Trotz Feminismus und alledem

26. April 2022

Kolumne von Özge

Was ist ein geeigneter Zeitpunkt, um Fälle von sexuellen Übergriffen und Missbrauch öffentlich zu machen? Schwierige Frage. Was aber ein ungeeigneter Zeitpunkt ist, kann an der Linkspartei derzeit anschaulich beobachtet werden. Zwei katastrophale Wahlniederlagen liegen hinter ihnen, zwei weitere werden Mitte Mai voraussichtlich folgen. Die Fronten sind verhärtet und die Schuldzuweisungen fliegen wild durch die Gegend.
Da überrascht es nicht, dass einige Genossen den LinkeMeToo-Vorstoß um Linksjugend-Sprecherin Sarah Dubiel als Versuch verstehen, der Partei Schaden zuzufügen. Oder Karrieren voranzubringen. Oder unliebsame Mitglieder loszuwerden. Während der Parteivorstand wenigstens den Eindruck macht, adäquat reagieren zu wollen – Einrichtung einer unabhängigen Beratungsstelle, Anpassung des Regelwerks, Aufklärung, Konsequenzen, die ganze Palette – scheint es in Teilen der unteren Ränge weniger Verständnis zu geben. Woran liegt das?
Zwischen älteren und jüngeren Generationen von Linken – der Strömung, nicht der Partei – gab es schon immer zahlreiche inhaltliche Differenzen. Das ist kein Mangel, sondern im Gegenteil eine notwendige Bedingung des historischen Fortschritts, dem man sich irgendwann mal verschrieben hat. Anhänger bürgerlicher Bewegungen missverstehen diesen Zustand gerne als „Grabenkampf“ und mokieren sich über „ewig zerstrittene Linke“, die „sich selbst im Weg“ stünden und ähnliches, was man ihnen aufgrund der ideellen Armut, die ihre Ideologie mit sich bringt, nicht übelnehmen darf.
Eine dieser Differenzen unter Linken ist jedenfalls die sogenannte Machokultur und mit ihr eine ganze Reihe komplizierter Fragen darüber, wann ein Spruch zu weit geht, welche Dynamiken problematisch sind, was einen sexuellen Übergriff konstituiert und ähnliches.
Feminismus, obwohl im Parteiprogramm verankert, ist und bleibt für viele Marxisten der alten Schule ein Augenrollthema. Das soll keineswegs heißen, dass nur Alte es mit der körperlichen Selbstbestimmung „locker“ und nur Junge es „streng“ halten – aber die Tendenzen sind erkennbar. Wie es sich übrigens für Linke gehört, sind beide Seiten geschlechtermäßig gut durchmischt. So haben in Hessen zwei weibliche Landtagsabgeordnete die Beurlaubung der Beschuldigten scharf kritisiert, während der zweitprominenteste Unterstützer von LinkeMeToo Dubiels Amtskollege Jakob Hammes ist.

Nun werden diese alten Differenzen zum Leidwesen der Parteispitze dort ausgetragen, wo sie hingehören, nämlich in der Öffentlichkeit. Soll man nicht lieber endlich mal Schluss machen mit den Querelen und ein geeintes Bild vermitteln? Nein, denn es bringt nichts, Einigkeit zu mimen, wo offensichtlich keine ist, so leicht sind die Leute dann doch nicht in die Irre zu führen. Hat die Partei keine größeren Probleme? Möglich, die sind bekanntlich immer dann am wichtigsten und dringendsten, wenn einem das Verschweigen des vermeintlich kleineren Problems in die Karten spielt. Haben andere Parteien nicht die gleichen und schlimmere Machos? Selbstverständlich, aber andere Parteien lassen auch Kinder verarmen und Flüchtende ertrinken – wem also ernsthaft an Fortschritt und Gerechtigkeit gelegen ist, sollte diese Organisationen als allerletztes in seine Überlegungen darüber einbeziehen, wie man sich zu verhalten hat. Im Land der Blinden ist der Einäugige immer noch einäugig.

Wer sexuelle Übergriffe in linken Strukturen öffentlich macht, hat es schwer. Und zwar zu jedem Zeitpunkt, um zur Frage vom Anfang zurückzukehren. Wäre die Linkspartei gerade auf dem Zenit ihres Erfolges, wären die Vorwürfe derer, die sich auf die Seite der Beschuldigten schlagen, zwar andere, aber nicht weniger laut gewesen. Am Ende bleibt zu hoffen, dass die Maßnahmen des Parteivorstandes Wirkung zeigen – nicht, um die Partei zu retten, sondern um junge Menschen, die sich, warum auch immer, dort engagieren wollen, vor Machtmissbrauch zu schützen. Denn keine „Einigkeit“, kein mit Lügen erkaufter Wahlerfolg und erst recht kein Parteiimage ist es wert, derartige Probleme unter den Teppich zu kehren.

Foto: Timo Schlüter

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