Berlin, ich hab die Faxen dicke

Berlin, ich hab die Faxen dicke

04. August 2022

Kolumne von Özge Inan

Disclaimer: ich liebe Berlin. Nie im Leben würde ich hier wegziehen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich angesichts der Mietpreise wohl nie wieder zurückkehren könnte. Auf die Mängel in der Verwaltung meiner Heimatstadt hatte ich lange den milden Blick eines Klaus Wowereit, der vor fast zwanzig Jahren den Slogan „arm, aber sexy“ erfand. Ich fand das Dauerchaos charmant, konnte mich damit identifizieren. Laissez-faire statt preußischer Beamtendisziplin. Damals als Studentin, naturgemäß selbst dauerpleite, schlecht organisiert und mit mäßiger Arbeitsmoral ausgestattet, konnte ich dem viel abgewinnen.

Gedacht als aufrichtige Liebeserklärung an Berlin, wurde „arm, aber sexy“ schnell zur ironischen Pointe für Geschichten über entsetzliche Berliner Zustände aller Art. Heute ist der Spruch selbst deutschen Satirikern zu blöd. So ähnlich verläuft meine Gefühlskurve bezüglich des nie enden wollenden Verwaltungschaos in dieser Stadt. Mir reicht’s. Ich bin eine erwachsene Frau mit einem Job und einer Steuerberaterin. Ich habe keine Zeit für irgendwessen kultige Verpeiltheit, am allerwenigsten von denen, die mich regieren wollen.

Hintergrund meiner eigenen kleinen Zeitenwende sind die Bundestagswahlen 2021, die in 400 Wahlbezirken wiederholt werden müssen. Die Pannen, die von der Expertenkommission festgestellt wurden, sind so zahlreich, dass der RBB sie hier dankenswerterweise in drei Kategorien unterteilt und stichpunktartig auflistet, damit die Leserin überhaupt irgendeinen Überblick bekommt. Von der Durchführung eines stadtweiten Marathons am Wahltag über falsch beschriftete Stimmzettelkartons bis zu fehlenden Wahlkabinen ist alles dabei. Ein umfassendes „How to fuck up your elections“-Tutorial, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die den Wahlvorgang mit nahezu mystischer Bedeutung aufladen und zum Heiligen Gral der Mitbestimmung verklären. Für mich ist die außerparlamentarische Opposition, ob medial oder in zivilgesellschaftlichen Initiativen, die eigentliche demokratische Bühne. Trotzdem hört bei Wahlen der Spaß auf. Wenn es darum geht, was man der Berliner Verwaltung mit einem Augenrollen und einer sarkastischen Bemerkung durchgehen lassen kann, sind Wahlen – wir erinnern uns: Grundlage des staatlichen Herrschaftsanspruchs – eine rote Linie. Insofern interessiert es mich auch nicht, welchem sicherlich verkehrten Spardiktat diese Pannen geschuldet sind. Mich hat als Studentin auch niemand gefragt, ob mein Bafög ausreicht, um meinen organisatorischen Pflichten nachzukommen. Es ist Zeit, dass diese Stadt erwachsen wird.

Foto: Timo Schlüter

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