Samir

Samir

08.07.2020

„Ich bin siebzehn Jahre alt, komme aus Afghanistan und lebe seit sieben Monaten in Moria. Vier davon verbrachte ich im Dschungel, drei in den geschützten Bereichen für unbegleitete Minderjährige, wo ich jetzt noch lebe.

Viele meiner Freunde sind sehr frustriert, weil sie in Moria sind und nicht wissen, ob sie irgendwann hier weg dürfen. Seit der Abriegelung wegen Corona ist der Druck noch größer geworden. Vorher konnten wir zur Schule gehen, wir konnten Englisch und Griechisch lernen und Sport treiben. Jetzt sind wir hier wirklich richtig eingesperrt und können nichts anderes tun, als herumsitzen und warten. Einige meiner Freunde sind depressiv und tun den ganzen Tag nichts. Niemand geht zu ihnen und ermutigt sie, aus dem Bett aufzustehen und etwas zu tun. Sie liegen einfach nur im Bett.

Ich motiviere mich selbst, indem ich jeden Tag Deutsch und Englisch lerne. Ich möchte nach Deutschland gehen, weil mein Onkel dort lebt. Auf meinem Weg nach Lesbos wurde ich von meiner Mutter und meiner kleinen Schwester getrennt. Das ist fünf Jahre her. Seitdem habe ich weder mit ihnen gesprochen noch sie gesehen und habe keine Ahnung, was mit ihnen passiert ist. Ich vermisse meine Familie so sehr.

Die Unsicherheit ist für uns alle sehr schwer zu verkraften. Es passiert im Moment sehr viel, und viele unbegleitete Minderjährige werden in andere europäische Länder geschickt. Für mich und die anderen älteren Jungen ist es schwer zu sehen, dass die Jüngeren vor uns hier weg dürfen. Wir befürchten, dass wir zu alt sein werden, bevor wir an der Reihe sind und dann wieder im Dschungel leben müssen, wo wir ganz auf uns selbst gestellt sind.“

Foto: Tessa Kraan

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