Der Judenhass der „Querdenker“ 

Der Judenhass der „Querdenker“ 

22. April 2021

Kolumne von Matthias Meisner

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, fühlte sich an die Maschen des Propagandablatts der Nazis erinnert. „Die ,Junge Freiheit‘ als Geisteskind des nationalsozialistischen ,Stürmers‘ maßt sich an, jüdische Führungspersonen in Deutschland abzuwerten“, twitterte Mendel am Sonntag.

Was war geschehen?

In einem extrem bösartigen Kommentar war Thorsten Hinz, einer der Stammautoren der „Jungen Freiheit“, über den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hergezogen – weil der im Geleitwort für das Buch „Fehlender Mindestabstand – die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde“ Antisemitismus als zentrales Element bei vielen Protesten von „Querdenken“ & Co. benannt hatte: Die Demonstranten, so Schuster, eine die Überzeugung, dass eine geheime Elite das Virus in die Welt gesetzt habe, dass die Bürger zu Marionetten würden: „Das alte antisemitische Narrativ der jüdischen Weltverschwörung wurde der aktuellen Situation angepasst.“

Schusters Geleitwort in dem von Heike Kleffner und mir herausgegebenen Sammelband, erschienen Anfang April im Herder-Verlag, fand viel Aufmerksamkeit: Der „Tagesspiegel“ veröffentlichte das Essay vorab, später auch die „Jüdische Allgemeine“. Der Jüdische Weltkongress (WJC) verbreitete eine englische Übersetzung.

Die Reaktion der „Jungen Freiheit“ auf Schusters Äußerungen war in doppelter Hinsicht bemerkenswert.

Zum einen: Selten hat das Blatt am rechten Rand des publizistischen Spektrums so krass gegen Juden gehetzt. „Rhetorische Verrenkungen“ attestiert Hinz dem Zentralratspräsidenten Schuster, ihn umgebe ein „Flair aus Melancholie und Vergeblichkeit“. Schusters Amtsvorgängerin Charlotte Knobloch attestiert die Zeitung eine „beherzte Unbedarftheit“, dem früheren stellvertretenden Zentralratspräsidenten Michel Friedman „gehässige Arroganz und Mir-kann-keiner-Mentalität“.

Zum anderen schlägt sich die Wochenzeitung in großer Klarheit auf die Seite der „Querdenker“ und Coronaleugner. Von ihren Vernetzungen in die Szene von Hooligans, Reichsbürgern und anderen Rechtsextremen ist keine Rede. Stattdessen schwadroniert Autor Hinz über eine „heterogene Bewegung“, angetrieben etwa von der „Erdrosselung des urbanen Lebens“, der „Not des Einzelhändlers“ sowie der „Einsamkeit des Rentners“. Und, „ach ja, Spinner gibt es in der Szene auch – schließlich gibt es die überall“. Nebenbei nennt die „Junge Freiheit“ die Aktivistin Greta Thunberg einen „beschädigten schwedischen Teenager“ – weil Schuster hofft, dass nach der Pandemie wieder gegen Rassismus und Antisemitismus demonstriert wird und auch die Proteste von „Fridays for Future“ wieder aufleben.

Die 1986 von Dieter Stein gegründete „Junge Freiheit“ war jahrzehntelang „zentrales Medium der ,Neuen Rechten‘“, wie der Historiker Volker Weiß in einem Beitrag für den Band „Fehlender Mindestabstand“ festhält. In den Diskursen der AfD ist sie laut Weiß zur Plattform für die „gemäßigt auftretenden Teile der Partei um Jörg Meuthen“ geworden. Aber was heißt eigentlich gemäßigt in der AfD?

In der Auseinandersetzung mit dem Zentralrat der Juden positioniert sich die „Junge Freiheit“ ultrarechts – was jenen aus demokratischen Parteien zu denken geben müsste, die sich, wie etwa der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt, ein CDU-Mitglied, dem Blatt regelmäßig als Kolumnist oder Interviewpartner zur Verfügung stellen.

Zwar findet es auch Kommentator Thorsten Hinz „falsch und geschmacklos“, wenn sich „Querdenker“ mit den Opfer der Schoa in eine Reihe stellen, wie vielfach bei Corona-Protesten geschehen. Aber: Solche Vergleiche hätten, schreibt er, „eine dialektische Zwangsläufigkeit, wenn Widerspruch zur Regierungspolitik mit dem Nazi-Stigma versehen wird“. Es handele sich um eine „rhetorische Gegenmobilisierung, um eine Retourkutsche aus unterlegener Position“. Mit anderen Worten: Nazis werden aus Notwehr zu Nazis. Eine aberwitzige Verdrehung.

Denn belegt ist ja vielfach, dass die Corona-Proteste ein Nährboden für Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus sind. Die „Zeit im Osten“ analysierte vor wenigen Tagen, wie die Grenzen zwischen der rassistischen Pegida-Bewegung und „Querdenken“ verschwimmen, wie aus den Anti-Islam-Protesten eine Keimzelle der Pandemie-Leugnung geworden ist. Was Sachsen noch einmal unterscheide von anderen Teilen der Republik, wo sich „Rechtsradikale und Hooligans unter die Leute mischen, sie bisweilen sogar anführen oder ihnen den Weg durch Polizeiketten hindurch freiboxen“.

Als diese Woche die Recherchestelle Antisemitismus RIAS ihre Zahlen für Berlin im vergangenen Jahr vorlegte, waren die Vorfälle auf Corona-Demos zentrales Thema. Schon im Juni 2020 habe der Verschwörungsideologe Attila Hildmann einen vermeintlichen „Angriffskrieg der Zionisten und Satanisten“ angekündigt. Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn, Ansprechpartner des Landes Berlin für Antisemitismus, sagte, Antisemitismus habe es auch vor der Pandemie gegeben. Er werde jetzt aber „aggressiver und offener geäußert“, Antisemiten würden sich radikalisieren.

Das sehen auch die „Welt“-Redakteure Annelie Naumann und Matthias Kamann so. Von ihnen ist diese Woche im Verlag Das Neue Berlin das Buch „Corona-Krieger. Verschwörungsmythen und die Neuen Rechten“ erschienen“, das sich gleichfalls den Allianzen in der Pandemie widmet und dabei auch die Rolle der AfD genau analysiert. Naumann und Kamann schreiben im Vorwort, Verschwörungsmythen hätten schon oft in Zeiten großer Seuchen grassiert – und besagten immer wieder, dass das Unheil auf jüdische Machenschaften zurückzuführen sei. „Wer Verschwörungsmythen verbreitet, stärkt Weltbilder und Stereotypen, die von dem Verdacht gegen und letztlich dem Hass auf Juden nicht zu trennen sind.“

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, wird bei dem Thema nicht locker lassen – auch wenn der auf den Kommentar der „Jungen Freiheit“ direkt nicht eingeht.

Am 27. April ab 19 Uhr wird die digitale Buchpremiere „Fehlender Mindestabstand“ aus der Berliner Volksbühne, dem Ort der ersten „Hygiene-Demos“, übertragen. Schuster ist per Videobotschaft aus Würzburg dabei. Mit Blick unter anderem auf die Proteste in Leipzig, Kassel und Stuttgart spricht er davon, dass sich die Proteste „immer weiter radikalisieren und immer mehr gewaltbereite Demonstranten darunter sind“. Die entstandenen Netzwerke zwischen Coronaleugnern, Impfgegnern und Rechtsradikalen würden ihn zutiefst beunruhigen. Die gesellschaftlichen Langzeitfolgen, sagt Schuster voraus, „werden uns noch intensiv beschäftigen“.

Sie müssen uns noch intensiv beschäftigen.

Foto: Dora Meisner

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