Neulich in der 7. Klasse

Neulich in der 7. Klasse

18. Oktober 2020

Kolumne von Lamya Kaddor

Es wird Herbst. Die Ameisen haben alles zusammengetragen, was sie im Sommer an Nahrung finden konnten. Alles ist gut verstaut. Der Winter kann kommen. Niemand von ihnen wird Hunger leiden müssen. Als sie nun so dasaßen und stolz ihr vollbrachtes Werk bewunderten, kam eine Grille des Weges: „Liebe Ameisen, ich habe nichts zu essen, keine Unterkunft. Wie soll ich über den Winter kommen? Könnt ihr mir etwas von eurem Vorrat abgeben?“ Die Ameisen empörten sich: „Während du den ganzen Sommer über bloß auf deiner Geige gefiedelt hast, haben wir rastlos gearbeitet. Geh weiter! Von uns bekommst du nichts.“ Darauf erwiderte die Grille: „Aber ich habe die Menschen jeden Tag in den Schlaf gebracht. Das ist doch auch etwas?“

Als ich die Geschichte im Islamischen Religionsunterricht an einem Duisburger Gymnasium neulich zu Ende erzählt hatte, fragte ich meine Siebtklässler*innen, wie sich die Ameisen nun entscheiden sollten: „Wer von euch würde der Grille etwas von seinem Vorrat abgeben?“ Ich hätte vermutet, dass sich alle melden. Doch es meldeten sich nur einige. Andere waren sogar strikt dagegen: „Die Ameisen sollen ihr nichts geben. Die Grille hat nichts geleistet. Sie ist selbst schuld.“ „Soll die Grille krepieren. Ich würde der nichts geben. Vielleicht lügt sie ja sogar.“ „Wenn man ihr jetzt etwas geben würde, würde sie im nächsten Jahr wiederkommen. Und kämen vielleicht noch andere hinterher.“

Ich schaute die Klasse an und sagte: „Anderes Thema: Wer von euch ist dafür, dass wir hier Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan aufnehmen?“ Alle Arme gingen hoch. Keines der 25 Kinder sprach sich dagegen aus. Als sie selbst das Händemeer über ihren Köpfen sahen, wurden sie nachdenklich… und dachten an die Grille…

In dieser Anekdote steckt eine vielsagende Geschichte über Materialismus und Menschlichkeit. Wer bewertet, wann eine Leistung wertvoll ist? Wieso überlässt man diese Bewertung den Ameisen allein? Die Anekdote erzählt auch von Moral und Doppelmoral sowie von gesellschaftlicher Prägung. Hätten die Kinder ebenso alle aufgezeigt, wenn es um die Aufnahme nichtmuslimischer Geflüchteter aus Nordkorea gegangen wäre?

Im Rest der Stunde entspannte sich eine lebhafte Diskussion. Was hätten Sie, liebe Leser*innen, der Grille geantwortet?

Foto: FH Münster

Menschen auf der Flucht brauchen Solidarität.
Als Fördermitglied könnt Ihr uns dauerhaft unterstützen.

Jetzt Fördermitglied werden!