Als Deutschlands Sohn geschossen hat 

Als Deutschlands Sohn geschossen hat

21. Februar 2022

Kolumne von Özge

Als Deutschlands Sohn geschossen hat, war Deutschland fassungslos. Deutschland konnte nicht begreifen, wie es so weit hatte kommen können. Deutschland hatte sich doch solche Mühe gegeben, hatte Reden gehalten und Kerzen angezündet, Hände geschüttelt und „Nie wieder“ gesagt, immer und immer wieder, bis Deutschland es langsam selbst nicht mehr hören konnte.

An dem Tag, als Deutschlands Sohn geschossen hat, ist Deutschland nicht ans Telefon gegangen. Deutschland hätte Vili retten können, stellte sich später heraus, wäre Deutschland ans Telefon gegangen, als Vili Deutschland anrief, drei Mal, aber die Notrufzentrale war unterbesetzt an diesem Tag, wer rechnet schließlich damit, dass Deutschlands Söhne losziehen und auf Menschen schießen, wo hat es denn so etwas gegeben? Bedauerlich, ein schweres Versäumnis, aber juristisch betrachtet, nun, da sieht Deutschland beim besten Willen keinen Anlass, Deutschland einen Vorwurf zu machen.

Einen Tag, nachdem Deutschlands Sohn geschossen hat, tanzte Deutschland auf den Straßen zu Karnevalsmusik.

In den Jahren, bevor Deutschlands Sohn geschossen hat, brachte Deutschland ihm alles bei, was Deutschland wusste. Dass die Ausländerkriminalität ein ernsthaftes Problem ist, konnte Deutschlands Sohn schon als Schuljunge mitsprechen. Dass arabische Großfamilien die Staatskassen ausrauben und die Behörden unterwandern, konnte Deutschlands Sohn später auf allen Kanälen sehen, und wo man die Araber, Verzeihung, die arabischen Großfamilien findet, konnte Deutschlands Sohn in allen Zeitungen lesen. Deutschland schickte ihnen Einsatzwagen und Uniformen und Durchsuchungsbefehle, immer und immer wieder, und Deutschland verkündete es mit ernstem Gesicht auf Pressekonferenzen und druckte es in weißen und gelben Lettern auf schwarzen Grund mit stolzgeschwellter Brust, jedes Mal, und Deutschlands Sohn hörte vor lauter Stolz schon gar nicht mehr hin, wenn Deutschland kleinlaut hinzufügte, dass die Dursuchungen ergebnislos waren.

Anderthalb Jahre, nachdem Deutschlands Sohn geschossen hat, stellte sich heraus, dass unter den Spezialeinsatzkräften, die Deutschland zum Tatort geschickt hatte, dreizehn Rechtsextreme waren. Bedauerlich, ein schweres Versäumnis. Aber wer rechnet denn damit, dass in den Uniformen, die Deutschland schickt, Deutschlands Söhne stecken?

Einen Monat, bevor Deutschlands Sohn geschossen hat, machte Deutschlands Sohn seine Gründe dafür bekannt. Als Deutschland das später herausfand und die Gründe begutachtete, kam Deutschland zu dem Schluss, Deutschlands Sohn sei massiv psychisch gestört. Sicher, eine gewisse ideologische Komponente ließ sich nicht leugnen, das musste Deutschland zugeben. Hass und Hetze waren da im Spiel und auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und viel Extremismus. Deutschland gab dem Täter viele Namen, Faschist war keiner davon.

Zwei Jahre, nachdem Deutschlands Sohn geschossen hat, ist Deutschland des Gedenkens müde geworden, denn Deutschland hat bereits ein ausreichendes Maß an Kerzen angezündet und die erforderliche Anzahl an Reden gehalten. Deutschland hat Deutschlands Teil der Arbeit erledigt. Deutschland hat sich dadurch das höchste und wichtigste Recht erkauft, das Deutschland kennt, das Recht auf Fassungslosigkeit. Wenn Deutschlands Söhne jetzt immer noch nicht begriffen haben, dass man nicht loszieht und auf Menschen schießt, kann das nicht Deutschlands Schuld sein. Überhaupt dieses Wort: Schuld. Das kann Deutschland langsam sowieso nicht mehr hören.

Foto: Timo Schlüter

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