Wo anfangen?  

Wo anfangen?   

20. Mai 2021

Kolumne von Nicole Schöndorfer

Ich weiß mittlerweile nicht mehr, was ich sagen soll, wenn mich Freundinnen von anderswo fragen, was zur Hölle eigentlich bei uns in Österreich los ist. Einerseits weiß ich nicht mehr, womit ich anfangen soll und andererseits habe ich selbst schon lange nicht mehr alles am Schirm. Wie auch? Jeden Tag ist irgendwas. Jeden Tag wird der regierungspolitische Sumpf aus schamloser Korruption, offener Menschenverachtung und Ignoranz gegenüber allem, was nicht dem eigenen Machterhalt dient, dicker. Jeden Tag weitet sich die Zerstörungswut gegen jene aus, die sich der Tyrannei widersetzen. Jeden Tag Angriffe auf die Existenzen von Arbeiterinnen, jeden Tag systematische Vernachlässigung und Ausgrenzung der Ärmsten und Schwächsten in- und außerhalb des Landes.

Die Polizei attackiert immer regelmäßiger und brutaler antifaschistische Demonstrationen, während Coronaleugnerinnen und Antisemitinnen seit Monaten unter Polizeischutz durch Wien marschieren dürfen. Zuletzt auch durch den 2. Bezirk, in dem viele Jüd*innen zuhause sind. Über Sebastian Kurz und die ÖVP kommen jeden Tag neue Details über schmutzige Deals und “Postenschacher” ans Licht und naja, die Grünen haben all ihre angeblichen Werte ohnehin schon längst verraten.

Das Arbeitslosengeld soll wieder gekürzt werden – während der umso prekäreren Lage so vieler in der Pandemie. Die kaputt gearbeiteten Pflegekräfte in den Krankenhäusern sollen mit einem einmaligen Bonus von 500 Euro abgespeist werden. Wie dreist kann man sein?

Abschiebungen finden ungebrochen statt, das Problem der vielen Femizide und der Anstieg partnerschaftlicher und familiärer Gewalt soll mit seelenloser Betroffenheit und Symbolpolitik gelöst werden. Das Corona-Management besteht aus einer groben Fahrlässigkeit nach der anderen. Gerade hat unter anderem die Gastronomie wieder aufgesperrt. Geimpft, getestet oder genesen darf man wieder Gast sein. Drei-G-Regel nennen wir das. Richtig, die drei Gs gelten jeweils als gleich safe. Dazwischen lacht sich meine Twitter-Timeline immer wieder halbtot. Zum Beispiel, wenn Kurz Vorwürfe gegen ihn zu delegitimieren versucht, indem er rührselig erzählt, wie traurig und besorgt seine Mutter ob des Umgangs mit ihrem Sohn sei oder indem er wieder Kinder erfindet, die ihm süße Fanpost schicken. Völlig dystopisch, dass er zu glauben scheint, dass ihm das jemand abkauft. Das ist nur ein Bruchteil der Ereignisse der letzten Wochen.

Und doch passiert nicht viel. Niemand trägt für irgendwas Verantwortung oder gar ernste Konsequenzen. Kein Wunder, dass tendenziell eine Art Trägheit spürbar ist, zumindest ein wachsendes Desinteresse an der innenpolitischen Farce. Die Herausforderung muss sein, diese resignative Stimmung der Menschen in Wut und Hoffnung zu verwandeln und diese in Vorstellungen von und Forderungen für eine gerechte Gesellschaft zu übersetzen. Nur so kann besagter regierungspolitischer Sumpf nachhaltig trocken gelegt werden und ich kann meinen Freund*innen endlich wieder neue Geschichten erzählen.

Anm.: In einer früheren Version des Textes sprach die Autorin davon, dass Kurz live in der ZIB2 einen Brief eines kleinen Mädchens vorgetragen hat. Tatsächlich fiel die Autorin hier auf einen satirischen Tweet herein, der genauso gut hätte echt sein können. Let’s face it.

Foto: Christopher Glanzl


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