Rassistischer Terror geht auch Österreich etwas an

Rassistischer Terror geht auch Österreich etwas an 

18. Februar 2021

Kolumne von Nicole Schöndorfer

Am 19. Februar ist es ein Jahr her, dass ein rechtsextremer Terrorist in Hanau neun Menschen erschossen hat. Was bis jetzt vor allem auch durch Druck und selbstständige Recherchen der Überlebenden und Angehörigen der Opfer über die Tatnacht, die Zeit davor und danach bekannt wurde, ist fast nicht zu ertragen. Die Morde hätten womöglich sogar verhindert werden können, hätte die Polizei daran etwas mehr Interesse gezeigt. 

Wieder wurde eine Fahrlässigkeit nach der anderen bekannt, wieder ein rassistischer und respektloser Umgang mit den Toten, Verletzten und ihren Familien gepflegt. Wieder sahen sich die, die Antworten wollten, brauchten, mit Gleichgültigkeit und behördlichem Unwillen konfrontiert. Das Verhalten der Polizei erinnert nicht zuletzt an die NSU-Morde. Es hat sich nichts verändert. Medienmacher*innen und Einrichtungen in Deutschland begehen die Zeit um den Gedenktag am 19. Februar mit intensiver Berichterstattung, mit Kampagnen und Aktionen, die die Angehörigen, die Opfer und eine Dokumentation und Einordnung der Ereignisse in den Mittelpunkt stellen. 

Man merkt, es gibt Widerstand gegen das Vergessen. In Österreich scheint man den Anschlag hingegen schon wenige Tage danach wieder vergessen zu haben. So, als wäre Hanau weit weg, geografisch wie politisch. Als würde rassistischer Terror Österreich nichts angehen. Doch auch die jüngere Geschichte widerspricht diesem selbstgefälligen Eindruck. Man denke etwa an die rechtsextreme Anschlagsserie mit Brief- und Rohrbomben zwischen 1993 und 1997, die vier Roma, Peter Sarközi, Josef Simon und Karl und Erwin Horvath das Leben kostete. 15 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Auch in Hanau waren mit Mercedes Kierpacz eine Romnja und mit Vili Viorel Păun und Kaloyan Velkov zwei Roma unter den Opfern. In beiden Ländern sind Roma und Sinti extrem marginalisierte Gruppen. 

Man denke auch an die tödlichen Misshandlungen von Schwarzen Männern wie Marcus Omofuma und Seibane Wague durch die österreichische Polizei. Rassistische Gewalt hat hier ebenso wie in Deutschland Tradition und System. Dass Neonazis wie Gottfried Küssel im Dunstkreis der Corona-Leugner*innen mit freundlicher Unterstützung der Polizei gerade wieder massiv mobilisieren können, ist das nächste.

Es ist bezeichnend, dass man bis auf die Meldungen zur Tatnacht selbst in österreichischen Medien kaum Berichte über Hanau findet. Nichts über die krassen Enthüllungen der letzten Monate, nichts zum Jahrestag, keine Querverweise. Widerstand gegen das Vergessen ist in Österreich bekanntlich immer schon schwächer ausgeprägt. Nicht nur hat man sich zu lange gegen die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit und ihrer politischen Kontinuitäten gewehrt, in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft tut man das immer noch ungeniert. Gedenken an die Opfer des Holocaust gibt es zwar. Wie könnte es auch nicht. Kollektives, geschweige denn offizielles Gedenken an die rassistischen Verbrechen der jüngeren Geschichte gibt es jedoch selten.  Damit das nicht so weitergeht, gehen Antifaschist*innen am 19. Februar auch in Wien mahnend auf die Straße, denn Hanau ist überall.

Foto: Christopher Glanzl


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