Keiner von uns  

Keiner von uns   

15. April 2021

Kolumne von Nicole Schöndorfer

In Österreich ist der Gesundheitsminister Rudolf Anschober zurückgetreten. In einer emotionalen Rede erklärte er, warum: Er habe die letzten Monate durch- und sich damit überarbeitet. Seine psychische und physische Gesundheit habe sich verschlechtert und er müsse die Notbremse ziehen. Das sei ihm abzunehmen, natürlich hatte der 60-Jährige sehr viel Arbeit als oberster politischer Manager in einer nunmehr 14 Monate andauernden Pandemie ohne Ende in Sicht. Er ließ diese Zeit relativ unkritisch Revue passieren, romantisierte sie fast schon und zählte vermeintliche Erfolge auf. Es war keineswegs herauszuhören, dass unter seiner Verantwortung 10.000 Menschen an Corona verstorben sind, dass zehn Prozent der Ex-Infizierten an Long Covid leiden werden, medizinisches und Pflegepersonal chronisch überlastet ist und unter permanentem Druck steht, dass Menschen ihre Lieben verloren haben, ihre Jobs, ihre Wohnungen und Sicherheiten und insbesondere auch ihre Gesundheit. Anschober hat das nicht angesprochen. Er erzählte, wie er schon einmal einen Burnout hatte vor Jahren und wie wichtig es für ihn sei, offen und öffentlich darüber zu reden. Von der Enttabuisierung psychischer Krankheiten war die Rede. 

Anschober kann sich nun in Ruhe auskurieren, er kann gesund werden. Die meisten Menschen, die eine Pause mindestens so dringend bräuchten, können das nicht. Die existenzielle Abhängigkeit vom kapitalistischen System und die Ausbeutung durch die Lohnarbeit lassen das nicht zu. Die Situation spitzte sich während der Pandemie freilich weiter zu. Den Leuten geht es schlecht und schlechter. Sie haben keine Kraft mehr, doch sich wie Anschober zurückzunehmen ist keine Option. Nicht nur die Zustände selbst machen krank, auch die Ausweglosigkeit daraus. Finanziell ist therapeutische Behandlung sowieso nicht drin. Ist Anschober klar, dass diese Menschen existieren? Und wie viele es sind?

Das wirklich Zynische ist ja, dass er als Gesundheitsminister buchstäblich und unmittelbar zu einer besseren psychische Gesundheit dieser Menschen hätte beitragen können. Er hätte nicht nur Psychotherapie auf Krankenschein ermöglichen können, sondern auch Burnout als Berufskrankheit listen können, um Arbeitgeber rechtlich in die Verantwortung zu nehmen. Er hat nichts davon gemacht. So wichtig ist ihm das Thema wohl doch nicht, wie er in seiner Rede mehrmals betonte. Oder es ist ihm nur für sich und seinesgleichen wichtig. 

Seinesgleichen feierten die Rede wenig überraschend als mutig und großartig, bedankten sich eifrig für die Worte, die zur so wichtigen Enttabuisierung psychischer Krankheiten in der Gesellschaft beitragen würden. Seinesgleichen, das sind bekannte bürgerliche Medienleute, Kolleginnen aus der Politik, liberale Kleinbürgerinnen und solche, die notwendige Kritik an Anschobers Politik und Abschied empört als “Nachtreten” disqualifizierten. Steigbügelhalter.

Vor allem Leute, die größtenteils nicht verstehen, was es psychisch auslösen kann, wenn man Monat für Monat nicht weiß, ob man die Wohnung bezahlen und die Kinder versorgen kann. Wenn man auf der Straße Gewalt ausgesetzt ist oder sich verstecken muss, weil man keine Papiere hat. Das heißt nicht, dass sie deshalb keine psychischen Krankheiten haben können, sondern einfach, dass sie die Ressourcen haben, sich um sie zu kümmern. Wie Anschober. Dabei muss die klare Forderung sein, dass jeder Mensch das bedingungslose Recht auf und einen freien Zugang zu psychischer Gesundheit haben muss. Ohne materielle Mittel ist jede Enttabuisierung für den Großteil der Menschen wertlos.

Foto: Christopher Glanzl


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