Angst und Wut im Herbst  

Angst und Wut im Herbst

17. September 2021

Kolumne von Nicole Schöndorfer

Die Tage werden wieder merklich kürzer und auch, wenn es zumindest in Wien noch sehr warm war in den letzten Tagen, nistet sich schon die Herbstdepression ins post-sommerliche Gemüt. Das liegt wohl nicht nur in meinem Freundeskreis daran, dass wir die kommenden dunklen Monate drinnen auch deshalb scheuen, weil wir uns an letztes Jahr erinnern und diese Erinnerungen keine guten sind. Die steigenden Infektionszahlen suggerieren einen nächsten harten Corona-Winter, aber eher ohne weiteres Entgegenkommen der Politik. Entgegenkommen, weil es sich wie ein passender Begriff für das anfühlt, was die Regierungstruppe als ihre Rolle in der Pandemie verstanden hat.

Bis auf die ersten paar Monate im Frühling 2020 vielleicht gab es in Wahrheit keinen Anspruch, die Bevölkerung halbwegs unbeschadet und sicher durch die Krise zu bringen. Schnell ersetzte die Eigenverantwortung jegliche politischen Maßnahmen. Alle waren bald für sich selbst und ihr Auskommen verantwortlich, jegliches Versagen von oben – und davon gab es eine Menge – wurde den Leuten unten zugeschoben. Völlig logische Konsequenzen wie Arbeits- und Wohnungslosigkeit sowie gesundheitliche Folgeschäden wurden politisch nicht nur nicht aufgefangen, sondern individuell bestraft und verschärft. Wenn man nicht wüsste, dass eine Regierung aus ÖVP und Grünen natürlich keine Interessensvertretung der Menschen, sondern für Konzerne und Kapital darstellt, müsste man sich fragen, was die eigentlich gemacht haben die ganze Zeit. Aber gut, Korruptionsverschleierung und Symbolpolitik sind wahrscheinlich auch zeitintensiv. I wouldn’t know.

Nun stehen wir da trotz ausreichend vorhandener Impfdosen, die Infektionen schießen in die Höhe, die Spitäler verschieben erneut Operationen aufgrund der vielen Covid-Patient*innen, die Intensivbetten füllen sich und die Zahl der täglichen Toten ist schon wieder zweistellig. In den Schulen mussten gleich kurz nach den Sommerferien hunderte Klassen in Quarantäne geschickt werden. Kinder und Jugendliche sind weiter die letzten, um deren Unversehrtheit sich politisch geschert wird. Es ist ein Skandal. Doch Sebastian Kurz und Co. zucken mit den Schultern, als hätten sie eh alles getan, um das, was kommt, zu verhindern.

Dabei gab es nicht einmal eine ordentlich sichtbare Impfkampagne. Stattdessen äußerten sich namhafte Politikerinnen skeptisch gegenüber der Impfung, Medien stürzten sich auf ihre juicy Statements, Durchseuchung wurde immer wieder in Betracht gezogen. Die 60 Prozent Impfquote ist ein Witz. Manche Behörden und Unternehmen verlangen nun eine Impfung von ihren Mitarbeiterinnen. Neu eingestelltes Gesundheitspersonal muss ebenso eine vorweisen können. Geimpfte sind sauer auf Ungeimpfte und zwar vollkommen zurecht. Shaming ist in Ordnung und notwendig. Am Ende muss aber allen klar sein, wer es verbockt hat und warum die Herbstdepression dieses Jahr anders kicken wird: Der Neoliberalismus und seine Schergen, die türkisgrüne Regierungstruppe inbegriffen.

Foto: Christopher Glanzl


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